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Artikel: Bullen und Bären im Netz (Internet Professionell 3/99)

Online Broking im Internet ist nicht nur schick, sondern auch praktisch. Aktienkurse gibt es auf Knopfdruck und Online-Broker bieten Börsengeschäfte im Sekundentakt. Internet Professionell zeigt, wie man online an die Börse geht und wirft einen Blick hinter die Kulissen der Aktienhändler.


Achtung: Dieser Artikel wurde im Januar 1999 geschrieben. Nicht mehr alle Angaben und Links sind aktuell.

Internet-Aktien sind die Renner des Börsenwinters. Doch nicht nur die Wertpapiere selbst, auch der Handel der Anteilsscheine im Internet selbst erfreut sich großer Beliebtheit. Online-Broker wie Consors, Comdirect oder Bank 24 öffnen einen Zugang zu deutschen und internationalen Börsenplätzen. Als Kunde eines Online-Brokers benötigt man nur einen PC mit Internet-Anschluß und natürlich Geld.

KOSTEN- UND ZEITVORTEIL

Für den Aktienhandel via Internet sprechen günstige Preise und der Zeitvorteil. Ein Auftrag geht innerhalb von Minuten vom Broker an die Börse und wird dort ausgeführt. Consors erlaubt sogar Intraday-Trading: Innerhalb weniger Minuten lassen sich Wertpapiere kaufen und bei kurzfristigen Kurssprüngen wieder abstoßen. Die Preise für solche Transaktionen liegen deutlich unter denen der Hausbank. Die verlangt meist 1 Prozent des Umsatzes als Provision. Hinzu kommen bei der Hausbank eine Depotgebühr von fünf Mark und die Makler-Courtage von 0,04 bis 0,08 Prozent. Da läppern sich für eine 10.000-Mark-Order 108 bis 113 Mark zusammen. Online-Broker wie Consors begnügen sich mit weniger: Die Nürnberger Bänker verlangen im Optimalfall gerade einmal 0,21 Prozent als Provision plus eine Grundgebühr von 9 Mark -- um die Maklercourtage kommt auch online niemand herum. Das macht bei 34 bis 38 Mark pro Order eine Ersparnis von gut 65 Prozent. Die Preise der Online-Broker unterscheiden sich deutlich: Manche haben eine günstigere Depotgebühr mit teureren Ausführungsprovisionen, andere sparen bei den Provisionen und lagern dafür die Aktien günstiger. Zu beachten ist vor allem die Jahresgebühr für die Depotführung. Einen detaillierten Überblick der Online-Broker-Kosten bieten "Alfs Finanzseiten" unter der Adresse www.daubner.de/ff-br.htm.

MITHANDELN

Um online Aktien zu handeln, benötigt man lediglich einen aktuellen Web-Browser. Java muß er können und SSL-Verbindungen soll er erlauben -- der Internet Explorer oder der Netscape Navigator in den 4er-Versionen sind die besten Kandidaten. Vor dem ersten Internet-Handelstag steht die Anmeldung per Formular. Und das ist nichts für ungeduldige Naturen: Die Einschreibung zieht sich über gut zwei Wochen hin. Neben dem Antrag selbst benötigt man einen Identitätsnachweis, den Behörden oder -- bei Consors ausdrücklich gewünscht -- die Post ausstellen. Dazu reicht ein Personalausweis. Der Postbeamte bestätigt anhand des Ausweises mit Tagesstempel und Unterschrift, daß es sich bei dem Antragsssteller wirklich um den Richtigen handelt. Doch die Identitätsbestätigung ist nur ein Schritt. Es folgt ein Formulartstriptease mit Angaben über die Vermögenslage und sie Einteilung in eine Risikoklasse. Die ist per Gesetz vorgeschrieben. Ein Online-Bänker soll sich selbst einschätzen, ob er ein zurückhaltender Anleger oder ein wilder Optionsscheinspekulant ist. Wenn er später bei einer Order nicht die richtige Klasse trifft, erscheint eine Warnung. Optionsschein-Interessenten übrigens müssen zusätzlich ihre Qualifikation nachweisen mit dem Formblatt "Wichtige Informationen über Verlustrisiken bei Börsentermingeschäften".

Sind alle Formulare abgesandt, kommen nach einigen Tagen die Eröffnungsunterlagen zurück. Deren Empfang muß nochmals quittiert werden, bevor das Konto wirklich zugänglich ist. Dann gilt es noch, Startkapital zu überweisen, bevor es mit dem Aktienhandel losgehen kann.

SO LÄUFT EINE ORDER

Wer sein Deport bei Consors oder Comdirect anwählt, muß ein Weilchen warten, bis der Broker-Client geladen ist. Hierbei handelt es sich um ein Applet des Software-Herstellers Brokat -- selbst einer der Börsen-Highflyer des vergangenen Quartals. Die Brokat-Applikation trägt den Namen Xpresso und bildet die Schnittstelle zwischen der Software beim Online-Broker und dem Front-End des Kunden. Im Hintergrund von Xpresso werkelt ein weiteres Brokat-Produkt: Twister bereitet alle Daten aus den bankeigenen Datenpools auf und packt sie in ein für Xpresso verständliches Format. So faßt Twister Kundendaten, Transaktionsdaten, Kontostände, Depotbestände und Kursdaten zusammen -- für die Brokat-Programmierer keine leichte Aufgabe, da die Daten häufig aus älteren, bankeigenen Programmen herausgeschält werden müssen.

Ist eine Order aufgegeben läuft sie via Xpresso und Twister in die bankeigene Börsenverbindung. Von hier aus kommt die Order direkt auf das Börsenparkett oder in den Xetra-Handel. Dort werden die Order gleich weiterverarbeitet und ausgeführt -- sofern Angebot und Nachfrage stimmen.

SICHERHEIT

Großen Wirbel gab es im vergangenen Herbst, als ein Finanz-Fachmagazin vermeintliche Sicherheitslücken im Online-Banking aufdeckte. Dort fand man heraus, daß die Kommunikation zwischen Browser und Server nur auf SSL-Basis mit 40-Bit-Schlüsseln lief. Und diese Schlüssellänge ist inakzeptabel. Dabei übersah die Zeitschrift allerdings, daß lediglich das Java-Applet über diese schwächliche SSL-Verbindung zum Browser kam. Einmal übertragen, setzt Xpresso noch eine im Java-Client implementierte Sicherheitsverbindung auf. Die arbeitet ähnlich wie SSL mit einem 128 Bit langen Schlüssel. Diese Kombinationslösung wird dem Online-Banking wohl auch noch eine Weile erhalten bleiben, auch wenn die US-Regierung mittlerweile 128-Bit-Verschlüsselung freigegeben hat. Neben der Kompatibilität zu älteren Browsern stellt auch Verisign ein Hindernis dar. Denn hier müssen sich Nicht-US-Banken registrieren und zahlen, wenn sie die Schlüssel verwenden wollen.

Für den Aufbau der symmetrischen Übertragung ist ein 1024 Bit-RSA-Algorithmus zuständig. Schließlich greift noch ein Verfahren namens Message Authentication Code ein, das mit Hilfe eines digitalen Fingerabdrucks die korrekte Herkunft eines Datenpakets sichersetllt. So will man vermeiden, daß Zwischenstationen unechte Datenpakete einschleusen und den Client zu irgendwelchen Antworten zwingen.

Der wahre Schwachpunkt im Online-Banking sind Zugangskennungen und die Transaktionsnummern. Diese PIN entspricht dem Kennwort. Bei manchen Brokern wie Consors ist diese Kennung maximal fünf Zeichen lang -- Sicherheitsexperten dreht sich hier der Magen um. Ein Trost: Mit der PIN alleine kann ein digitaler Bankräuber noch nicht viel anfangen. Um Geld zu transferieren oder mit den Aktien Unfug anzustellen, benötigt er noch die TAN -- eine sechsstellige Ziffer, die sich bei jeder Transaktion ändert und auf einer Liste steht. Diese Liste sollte man ebenso hüten wie die PIN. Selbstverständlich sollte ein häufiger Wechsel der PIN stattfinden -- einmal pro Monat ist Minimum. Bei der Kennwortwahl sollten sorgfältige Broker auf Standards, etwa Namen oder Geburtsdaten verzichten. Stattdessen eignen sich beispielsweise Konstruktionen die aus den Anfangsbuchstaben der ersten Zeile eines Gedichts, kombiniert mit einem Sonderzeichen bestehen.

AKTIENKURSE ONLINE

Wer sich mit dem Aktienhandel beschäftigt, ist stets auf aktuelle Kurse angewiesen -- gerade dann, wenn er als spekulativer Anleger innerhalb von Stunden oder Tagen Aktien kauft und verkauft. Online Broker bieten aktuelle Aktienkurse auf ihrer Homepage an. Der Kunde gibt lediglich Wertpapierkennummer oder den Firmennamen ein und bekommt postwendend die aktuellen Kurse -- allerdings mit etwa 15 bis 20 Minuten Verzögerung.

Hinter diesen Kursangaben steckt meist eine Firma: Teledata. Das Frankfurter Unternehmen versorgt neben Consors und Comdirect auch Quelle-Bank, Bank 24, Direkt Anlage Bank oder die Website des Stern mit Kursinformationen. Teledata unterhält zwei voneinander getrennte redundandte Rechenzentren. Die sind über eine 155 Mbit-Leitung an das Internet angeschlossen. Und diese Bandbreite ist auch bitter nötig. In Spitzenzeiten kommt Teledata täglich auf über 10 Millionen Pageviews und im Monat auf gut ein halbes Terabyte übertragene Daten -- bei nur einem Kunden. 5000 bis 6000 Personen schicken gleichzeitig ihre Anfragen an den Aktienkurs-Server.

"Bei uns ist alles auf Speed ausgerichtet," so Teledata-Geschäftsführer Dr. Steffen Böhnert. Deshalb basiert das Teledata-System auf reinen Eigententwicklungen. "Das einzige Fremdprodukt auf unseren Servern ist Linux," so Böhnert. Frei auf dem Markt erhältliche Datenbanksysteme würden nach Böhnerts Ansicht nicht mit den gigantischen Datenmengen fertig. Alle Aktionen spielen sich auf dem Teledata-Server ab, die Server der Kunden linken lediglich auf dieses System. Bei einer Anfrage stellt die Teledata-Software zunächst fest, woher die Anforderung kommt, sucht dann die entsprechenden Daten heraus und liefert die im Layout des Kunden direkt an den Web-Client.

Mehrere hintereinandergeschaltete Systeme bearbeiten die Datenlast. Wie ein kaskadiertes Cache-System hält die vorderste Reihe immer die aktuellen Daten bereit. Sind die Kursdaten hier veraltet, holt sich der Server aus dem dahinterliegenden System das Update.

DATENFUTTER DEUTSCHE BÖRSE AG

Ganz am Beginn der Reihe steht der Datenfeed. Der speist sich unter anderem aus einer Leitung der Deutschen Börse Systems. Diese Tochter der Deutschen Börse AG wiederum sammelt die Kursdaten aller deutschen Börsen, des Neuen Marktes, der Eurex und des Xetra-Systems. Alle Kursdaten landen in Echtzeit im Ticker Plant Feed, kurz TPF. Dieses System verschickt bundesweit die Kurse -- wer sie abzapfen möchte, muß mit Grundkosten bis zu 15.000 Mark im Monat rechnen. Damit ist aber nur die Anbindung selbst bezahlt. Über diese Gebühr hinaus fallen Kosten abhängig von der Verwertung und Weitergabe dieser Kursdaten an. Daher auch die 15 bis 20 Minuten Verzögerung bei den Kursangaben -- Realtime-Kurse wären kaum zu bezahlen. Und im öffentlich zugänglichen Internet sind diese Kursangaben von der Deutschen Börse AG ohnehin nicht zugelassen. Wer die Echtzeitkurse in geschlossenen Benutzergruppen nutzen möchte, muß pro User und Monat 50 Euro veranschlagen.

Bei der Abfrage ausländischer Börsenkurse haben es Kursanbieter nicht so einfach. Hier muß man von Hand Schnittstellen programmieren zu jeder Börse, von der man Kurse will. Oder man verläßt sich auf Kurszwischenhändler wie Bridge, Reuters oder Telekurs. Die holen ihrerseits die Wertangaben von den Börsen und reichen sie an ihre Kunden weiter.

Die komplexen Wege der Kurse bergen Gefahren. Was, wenn sich ein Fehler einschleicht? Teledata setzt Computer-Power und gesunden Menschenverstand dagegen. Abgleichroutinen ermitteln ungewöhnliche Kursausschläge und melden die Ausreißer dem verantwortlichen Mitarbeiter in der Technik. Wenn ein Kurs deutlich nach oben oder unten ausbricht, recherchieren Teledata Mitarbeiter selbst nach. Sie checken die Kurse gegen, rechnen nach oder suchen nach Meldungen, welche die Kurssprünge verursachen könnten.

Noch eine zweite Gefahr lauert: Datendiebe versorgen sich mit Gratis-Kursen bei den Anbietern und stellen sie auf ihren eigenen Sites zur Verfügung. Dr. Steffen Böhnert: "Gelegentlich stellen wir fest, daß von einer bestimmten Internet-Adresse auffällig viele Anfragen kommen -- vor allem Nachts. Offenbar holt sich dann jemand Kurse für die eigene Site. Wir fackeln in solchen Fällen nicht lange und sperren den Zugriff für die entsprechende IP."

NEWS AUS DER BÖRSENWELT

Online-Broker müssen sich stets mit aktuellen Nachrichten versorgen. Auch hier bietet Teledata seine Dienste an. 30 Mitarbeiter sitzen in einer Redaktion, sammeln und sichten News aus aller Welt. Diese Nachrichten landen in einem eigenen Newsfeed, den die Teledata-Kunden abgreifen. Doch Teledata sind nicht die einzigen Anbieter. Wer sich ein wenig im Web umsieht, bekommt jede Menge tagesfrischer News. Die Börsenabteilung von Yahoo.de beispielsweise wartet unter http://finanzen.yahoo.de mit aktuellen Meldungen des VWD auf. Wer sich über amerikanische Werte informieren möchte, sollte der US-Mutter Yahoo besuchen. Unter http://quote.yahoo.com sammelt der Server Finanz-News aus den Staaten.

Weniger Surf-Aktivitäten verlangt ein anderer Dienst: Wallstreet-Online schickt Nachrichten per E-Mail an jeden Börsianer, der sie haben möchte. Beim Einschreiben auf der Mailing-Liste hat man eine riesige Auswahl an Informationsdiensten: News über DAX-Werte, den Neuen Markt, Trendanalysen oder Neuigkeiten aus Fernost stehen auf der Angebotsliste der Wallstreet Online. Hier sollte sparsam gewählt werden. Denn neben eigenen Nachrichten leitet Wallstreet Online auch Messages externer Dienste ungefiltert und unkommentiert in den Mail-Versand -- und so stauen sich innerhalb eines Tages leicht 100 bis 200 Messages im Posteingang. An diesem Mail-Volumen hat allerdings bisweilen auch der Anbieter selbst zu schlucken. Immer wieder brachen in den letzten Monaten die Server zusammen und hielten die Mails zurück. Deshalb sollte man sich auf mehrere Informationsquellen im Internet verlassen. Dazu gehören auch die zahlreichen Brokerboards und Newsgroups zum Thema Börse im Internet. de.etc.finanz.boerse ist eine interessante Quelle für Informationen und Meinungen zu in Deutschland gehandelten Aktien. International orientierte Anleger sollten auch misc.invest.stock in ihre News-Liste aufnehmen. Dazu liefern Foren wie das Consors-Brokerboard (www.consors.de/) oder das Wallstreet-Board (www.wallstreet-board.de/) Meinungen zu Aktien und Optionen. Allerdings sollte man die Beiträge in diesen Diskussionsforen mit einem gerüttelt Maß an Skepsis betrachten. Denn hier handelt es sich um Meinungen, selten um fundierte Analysen.

KENNTNISSE UND COOLNESS

Wer sich auf's Online-Parkett begibt, sollte sich mit Aktien und den damit verbundenen Risiken auskennen. Denn die günstigen Provisionen können Online-Broker nur halten, wenn sie Personal- und damit die Beratungskosten einsparen. Von Consors und Konsorten gibt es also keine Hilfe. Deshalb ist es erste Pflicht eines Online-Spekulanten, sich regelmäßig zu informieren. Dazu gehören nicht nur Internet-Quellen, sondern auch Tageszeitung, Fernsehen und Fachblätter.

Unerfahrene sollten sich nicht an die Online-Börsen wagen. Wer noch nie eine Baisse mitgemacht hat, verliert bei Kursrückgängen unter Umständen zu schnell Nerven und Geld. Gerade bei der schier endlosen Kursrallye im vergangenen Jahr und der herben Abkühlung im Herbst, haben viele unerfahrene Anleger Geld verloren.

Wenn die Online-Order versagt

Noch vor einem Jahr war Online-Broking ein Abenteuer. Wer es beispielsweise bei Consors geschafft hat, das Applet zu laden, war schon weit gekommen, aber noch nicht am Ziel. Immer wieder verhinderten Übertragungsfehler die Orderausführung. Mittlerweile haben die Online-Bänker ihre Hardware deutlich ausgebaut. Zu Engpässen kommt es nur noch selten. In diesen Fällen muß der Spekulant dann auf Fax, T-Online oder Telefon ausweichen. Telefon-, vor allem aber Fax-Order, allerdings sind teurer als die Internet-Anweisungen. Denn hier muß ein Mitarbeiter der Bank den Auftrag entgegennehmen und weiterverarbeiten. Knifflig wird es, wenn eine Order nicht korrekt abgewickelt wird. Denn hier entsteht die Frage nach der Haftung für das Problem -- deshalb empfiehlt es sich, von jeder abgeschickten Order einen Screenshot anzufertigen und diesen zu drucken. Das gilt zwar nicht als 100prozentiger Nachweis, bietet aber als Dokumentation Beistand in Zweifelsfällen.

Aktualisiert am: 25.11.2005



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