Bilder aussortieren

Schon bald nachdem der erste Urmensch seine Finger in Tonerde und Asche getränkt und ein paar Mammuts an die Höhlenwand gepinselt hatte, stand er vor einem Problem: Die Wand war voll, dabei mussten dringend noch ein paar Antilopen gemalt werden. Das führte zu einem Problem, das der Menschheit bis heute erhalten blieb: Das Problem, Bilder auszusortieren.

Kolumne aus Computerfoto 11/2003.

Früher hatten wir nach einer Reise oder einer ausgiebigen Fototour 100 oder 400 Dias. Heute sind es 300 bis 1000 digitale Aufnahmen. Früher haben wir die Dias in ihren Umkehrfilmrückversandkisten gelassen. Heute lassen wir die digitalen Bilder in einem Ordner. Früher füllten die Kisten irgendwann Kartons und die stapelten sich auf dem Dachboden. Heute füllen die Ordner Festplatten – und die kann man nicht so einfach auf dem Dachboden stapeln, weil man sie nämlich im Computer braucht.

Kulturforum Fürth bei Nacht

So geht es auch mir. Auf meinen Festplatten schlummern ein paar zig Gigabyte Fotos – die Ausbeute der letzten Monate. Seit Wochen nehme ich mir vor, diese Bilder endlich mal zu sortieren und – vor allem – die schlechten Bilder zu löschen. Franziska fände das auch nicht schlecht, da sie gerne auch mal etwas auf unserer Festplatte speichern möchte. (Vermutlich hat es etwas mit Antilopen zu tun.)

„Vielleicht brauche ich das Bild ja noch mal als Hintergrund,“ rede ich mich raus, als Franziska mich vor den Rechner genötigt und den Bilderordner geöffnet hat. „Das Bild ist schwarz,“ sagt Franziska sanft.

„Jaa, aber das ist eben ein spezielles Schwarz. Weißt Du, es kommt darauf an, was hinter dem Schwarz verborgen ist,“ versuche ich Franziska in eine Diskussion zu verstricken. Und tatsächlich: Nach dem Öffnen des Bildes und intensivem Schiebregeln am Histogramm zeigt sich ein schemenhafter Umriss.

„Ein Haus,“ sagt Franziska.

„Der Schemen eines Gebäudes,“ doziere ich, „weißt Du, was hinter diesen unscheinbaren Linien steckt? Nein. Denn wer weiß schon, was wirklich hinter einer Häuserwand passiert. Und ist das Haus überhaupt da? Oder bilden wir uns das nur ein, weil es auf dem Bild gerade noch zu sehen ist. Das Bild zeigt, wie eine Fassade verschwindet, hinter der etwas Unsichtbares steckt. Das Bild zeigt, wie vergänglich das Sein ist, wie alles in allem aufgeht. Das Bild zeigt, wie verschwindend und endlich unsere Existenz ist.“

„Eben,“ sagt Franziska. „Lösch DAS BILD endlich. Dann verschwindet das Verschwindende. Und dann hast Du doch das Ziel erreicht: Das Bild existiert nicht mehr und zeigt beeindruckend, wie es ist, nicht da zu sein.“

Ich mag nicht, wenn Franziska blitzschnell Weichen auf meiner Argumentationsschiene stellt und mich intellektuell aufs Abstellgleis führt.

Und ich weiß gar nicht, was sie hat. Auf unserer Festplatte sind noch locker 25 MByte Platz. Ok, hier und da muckt die Maschine ein wenig, weil ihr Auslagerungsspeicher fehlt. Aber ich kann doch deswegen nicht ein Kunstwerk löschen.

„Es ist ein dunkles, unterbelichtetes völlig vermurkstes Foto,“ weckt mich Franziska aus meinen Gedanken, trifft mit einem gezielten Schlag die [Entf]-Taste und gleich darauf das bestätigende Return. Mein Bild ist weg. (Für Mac-User: Entf entspricht der Tastenkombination [Apfel – Backspace] 😉 )

„Es ist ein Kunstwerk!“ rufe ich noch empört.

„Es war ein Kunstwerk,“ gibt Franziska trocken zurück. Und gleich darauf säuselt sie. „Siehst Du, war gar nicht so schlimm. Morgen früh löschen wir die anderen Bilder, ja?“

Ich erliege dieser Mischung aus Charme und Überzeugungskraft und gebe auf. Immerhin habe ich Galgenfrist bis morgen und genügend Zeit, alle anderen Bilder aus meiner unterbelichteten Periode irgendwie zu retten.

Gleich morgen kaufe ich mir eine neue Festplatte. Dann ist wieder Platz. Aber den werde ich gar nicht brauchen. Denn bald werde ich endlich mal die Bilder sortieren. Das nehme ich mir ganz fest vor.

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