Das Selbstportrait

Martin Goldmann ist glücklich und im großen und ganzen zufrieden mit sich. Doch sein Selbstbewusstsein bekommt einen herben Schlag, als er ein Selbstportrait fotografieren soll.

(erschienen als „Selbstbildnis in Digital“ Computerfoto 1/2004)

„Ich brauche dringend ein Bild von Dir“, sagt Michael. Michael ist Redakteur bei einer ganz anderen Zeitschrift und löst in mir blanken Horror aus. Ein Bild? Von mir? Gerne, aber warum muss das denn eines sein, auf dem ich abgebildet bin?

Woher soll ich denn jetzt auf die Schnelle ein Foto bekommen? Zum Fotografen mag ich nicht gehen, ist mir zu teuer. Und der Passbildautomat in der U-Bahn-Station kommt auch nicht in Frage. Der redet zu viel. Automaten die reden sind mir suspekt. Mir ist alles suspekt, das redet, aber nicht zuhören kann, vor allem, wenn es in der U-Bahn steht.

Also ein Selbstbildnis? Na gut, es sei. Die berühmtesten Maler haben sich selbst portraitiert gemacht. Aber die hatten die Zeit dafür und bestimmt jemand, der ihnen die Haare zurecht gemacht und ihnen ein seidenmattes Umbra aufgelegt hat.

Wer gibt mir Umbra? Ich könnte einiges davon brauchen. Denn zu allem Überfluss sehe ich heute reichlich zerstört aus. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin sonst ganz zufrieden mit mir und meinem Äußeren. Aber der Stress hat dicke Ringe unter meine Augen gezeichnet und unsere Agapornidendame „Donna“ singt uns seit heute morgen um halb sieben in den Tag. Haben Sie schon mal einen Kleinpapageien singen hören? Das klingt wie ein kleines, schmiedeeisernes, verrostetes Gartentor, das im Sekundentakt auf- und wieder zu geschwungen wird.

Eine leichte Erkältung hat außerdem meine Nase in zartes Rot gefärbt, meine Haare stehen in alle Richtungen, kurz, heute bin ich gar nicht fotogen. Aber es hilft nichts. Selbstportrait ist angesagt. Und zumindest der Prozess des Fotografierens hat ja seinen Reiz. Denn ich muss mit dem Selbstauslöser arbeiten.

Meine erste Arbeit mit Selbstauslöser war ein Klassenfoto in der achten oder neunten Klasse. Der Plan: Kamera einstellen, Selbstauslöser rattern lassen, auf einen freien Stuhl springen, mit fotografiert werden. Auf allen Fotos ist noch heute ein Stuhl leer. Ich hatte nämlich auf den Auslöser gedrückt, in der Annahme, der würde wiederum den Zeitauslöser auslösen. So gesehen, war das die erste große Panne in meiner Fotografenkarriere.

Eingedenk dieser Panne beschließe ich, diesmal den Selbstauslöser richtig zu bedienen. Ich klemme die Nikon aufs Stativ, packe den Blitz oben drauf und richte alles auf das beige Hintergrundpapier aus, vor das ich mich stellen möchte. Zum ersten Mal freue ich mich richtig über den schwenkbaren Kleinbildschirm, auf dem ich mich selbst in Pose setzen kann. Das Dumme dabei ist nur: Die Kamera stellt vor dem Selbstauslösen scharf, zählt dann herunter und löst aus.

Wer bitte kam auf diese Idee? Warum zählt das Ding nicht erst runter und stellt dann scharf? Wie soll ich auf etwas scharf stellen, das noch gar nicht da ist? Wie soll ich den Selbstauslöser auslösen, wenn ich schon posiere? Denn die Kamera steht zwei Meter weg; damit ich nicht wie ein erkälteter Luftballon aussehe habe ich ein wenig gezoomed.

Also beschließe ich, es mit Verrenkungen zu probieren und bin froh, dass mich niemand sieht. Ich halte meine rechte Hand etwa dort in die Höhe, wo ich später meinen Kopf hinhalte, drücke mit der linken den Selbstauslöser zurecht und löse aus. Kamera stellt auf Hand scharf, ich springe hin und – blitz – das Bild ist gemacht. Nach dem siebten oder achten Sprung ist das Bild dann zumindest technisch ok: ich gucke in die richtige Richtung und meine Brille sitzt auch nicht so schief. Und immerhin – das Bild ist scharf.

Die Freude währt nur kurz. Vielleicht wäre das Bild besser doch nicht so scharf, denn ich sehe entsetzlich aus. Freud lässt grüßen, als mit Photoshop in das Bild hineinzoome und lese „Tatsächliche Pickel“ statt „Tatsächliche Pixel“. Heut‘ ist nicht mein Tag.

Das sicher ein prima Ansatz für ein neues Plugin: wie wäre es mit Kai’s Power Bartschatten-weg oder „Despeckle Face“, damit ich so aussehe wie die Models auf den Fernsehzeitschriften. Und warum eigentlich hat jedes Bildbearbeitungsprogramm eine Rote-Augen-Funktion, aber keine Rote-Nase-Funktion?

Nach einer halben Stunde Bearbeitung mag ich mich nicht mehr sehen. Michael muss das Bild nehmen, das er bekommt. Sein Grafiker soll dann den David-Hamilton-Weichzeichner über das Bild jagen und das Ganze in Briefmarken-Größe drucken, dann sieht es hoffentlich nicht mehr so schlimm aus.

Ich fahre jetzt erstmal in Urlaub. Da gibt es jeden Tag Gurkenmasken und Moorbäder. Mal schauen, vielleicht gibt’s dort auch ein wenig Umbra.

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