Die Zukunft des Internet
Hochkonjunktur für Auguren, Seher und Propheten: Die Sonnenfinsternis, die Jahrtausendwende, das Internet. Jahrhundertereignisse, die ihre Schatten vorauswerfen. PC-Online-Kolumnist Martin Goldmann wagt einen Blick in die Nebelschwaden der Zukunft.
(erschienen im November 1999 in PC-Online)
Wie das Kaninchen in die Schrotflinte, so starren wir alle wie hypnotisiert auf den Jahreswechsel 2000. Gebannt hören wir die Prognosen alter Hellseher wie der des Propheten Paxvobiscum. Schon 1231 hatte er gewarnt "wähn es springt das Jahr des Herren vom neunzehnhundertneunundneunzigsten auf das zweitausende, so wird sich rächen der böse Cobol Peeszwo." Und weiter: "Es währden die Menschen nicht mehr können schreiben, so das sie währden benötigen drei sss, wo einst eins genühgt habige. Die Kornspeicher währden bährsten. Denn dort wo Platz vorhergesehen für zwei Korn sollen nun liegen vier Körner."
Doch was sollen wir mit ollen Kamellen. Die Weissager von einst sind erstens längst tot und zweitens aus der Mode, seit zur Sonnenfinsternis sich die Erde nicht aufgelöst hat. In unserer rationalen, jederzeit berechenbaren Informationswelt brauchen wir die bärtigen Zausel aus dem garstig dunklen Mittelalter nicht mehr.
Aber denkste: unsere Gesellschaft kommt ohne Propheten nicht aus. Heute regieren Weissager ganz anderer Art. Sie nennen sich Analysten und beherrschen ihr Fach ebenso sicher wie all jene, die einst Innereien lasen wie andere den Kaffeesatz.
Der Wahrsager von heute hat einen dunklen Anzug, ein paar Charts und ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein. Ungeniert sagt er den Aufstieg des E-Commerce voraus, nur um ein paar Wochen später den Untergang der Branche zu prophezeien. Und brav folgen Aktienbesitzer, Journalisten und kleine schmuddelige Hunde den Analysten wohin immer sie gehen.
PC-Online, das Fachmagazin für treffliche Analysen hat sich in einer langen Sitzung mit Kristallkugeln, toten Fischen, einem Satz Skatkarten und dem Chart der AOL-Aktie auf die Suche nach den Zukunftstrends jenseits der Jahrtausendwende gemacht. Und es kamen erstaunlich exakte Prognosen für die kommenden Jahre heraus.
2000: Das erste Metaportal geht ins Netz. Es enthält einen personalisierten Personalisierungsservice, um die persönlich angepassten Homepages bei den Web-Portals zu verwalten und abzufragen. Außerdem bietet das Metaportal eine Beschäftigungstherapie für alle Free-Email-Accounts schickt automatisch Nachrichten zwischen den Accounts hin und her. Auf Wunsch und gegen geringen Aufpreis beantwortet das Metaportal diese Mails auch gleich wieder. +++ Alle Internet-Zugänge werden gratis, um endlich genügend Anzeigenleser zu gewinnen. +++ Der Internet Explorer 6 erscheint. Netscape kündigt den Navigator 5 für den Spätsommer an. +++ Die Anzahl der Internet-User vervierfacht sich gegenüber 1999.
2001: Metaportale haben sich zu einem bedeutenden Wirtschftszweig entwickelt. Die Börsenkapitalisierung der Zweimann-Firma Damncool Metaportal übersteigt zwei Stunden nach dem Börsengang das Bruttosozialprodukt der USA. +++ Meta-Metaportale kommen auf. Sie helfen, die persönlich personalisierten Seiten der Metaportale zu durchsuchen. Marketing-Manager ersinnen den Begriff "Kilometaportal". +++ User erhalten zu ihrem Gratis-Internet-Zugang einen PC. +++ Der Internet Explorer 7 kommt heraus. Netscape kündigt den Navigator 5 für den Spätsommer an. +++ Die Anzahl der Internet-User hat sich gegenüber 2000 versiebenfacht.
2002: In einem spektakulären Abkommen beschließen Metaportal-Anbieter Yahoo, Excite und Lycos nur noch einander gegenseitig zu vernetzen. Alle weiteren Links in das Internet werden aus den Diensten gelöscht. +++ Zu jedem Internet-Zugang erhalten die Anwender einen PC sowie zwei Heizdecken und ein Pfund Butter. +++ Netscape und Open-Source-Tochter Mozilla verklagen Microsoft, weil sie der Gigant mit unfairen Mitteln endgültig vom Markt gedrängt hat. Gleichzeitig kündigt Netscape den Navigator 5 für den Spätsommer an. +++ Die Anzahl der Internet-User hat sich gegenüber 2001 verdreifacht und übertrifft nun erstmals die Zahl der Erdbevölkerung inklusive der Welt-Population an Yorkshire-Terriern.




