Einführung in das Internet
Dieser Beitrag stammt aus einem Manuskript für ein Internet-Buch, das im Jahr 1995 im Rowohlt-Verlag erschienen ist.
Einleitung: Sightseeing-Tour
Eine Rundreise für den "ersten Eindruck": Wo sind wir? Was gibt es alles, und wie gelange ich dort hin? Wie informiere ich mich über Details? Einblick in die Dienste Mail, News, Gopher, Telnet, FTP, WAIS, WWW.
Keine zehn Jahre ist es her, da bekam der Computer-Fan beim Gedanken, per Akustikkoppler Daten aus einer Mailbox in der Stadt abzurufen feuchte Hände. Die Mailbox selbst bestand aus einem alten Homecomputer, zwei Diskettenlaufwerken und einem Akustikkoppler. Die Verbindung wurde hergestellt, indem ein aus Fischertechnik-Bauteilen gefertigter Hebearm beim Klingeln des Telefons die Hörergabel freigab. Solch abenteuerlichen Konstrukte waren der Deutschen Bundespost freilich ein Dorn im Auge, handelte es sich dabei doch um einen unerlaubten Eingriff in Fernmeldeeinrichtungen.
Später leisteten sich betuchte Hacker bereits ein 1200 bps schnelles Modem, spähten aber neidisch auf die Auserwählten, die bereits eine Turbo-Datenschleuder mit 2400 bps ihr Eigen nannten.
Heute läßt sich mit einem solchen Modem kein Staat mehr machen. 2400 bps Übertragungsrate eignen sich allenfalls noch für den gemütlichen Mailbox-Plausch, Chat genannt. Um die im Multimedia-Zeitalter exponentiell anwachsenden Datenmengen von Computer zu Computer zu tragen, sind diese Geräte schlicht zu langsam.
Mit der Anzahl der verkauften Modems wuchs auch das Interesse, sich mit möglichst vielen Anwendern national und international auszutauschen. Private Mailboxnetze wie Zerberus oder Fido entstanden und erfreuten sich gigantischer Beliebtheit. Diese Netze wachsen auch heute noch flott.
Doch neben diesen privaten Netzen und kommerziellen Angeboten wie Compuserve, MCI oder Geonet wuchs unbemerkt ein Computerverbund, der hauptsächlich Universitäten untereinander verband: Das Internet.
Militärischer Ursprung
Die Ursprünge des Internet führen zurück in die Steinzeit der EDV. Im Jahr 1969 richtete das amerikanische Verteidigungsministerium ein Netzwerk mit dem Namen ARPAnet ein. Dieses Forschungsnetzwerk sollte den US-Militärs Kenntnisse darüber vermitteln, wie man ein effektives Computernetz realisieren könne, das den Ausfall eines oder mehrerer seiner Systeme verkraftet ohne zusammenzubrechen. Der zweite Grundgedanke hinter diesem dezentralen Netz war, daß jeder Computer, gleich welchen Typs mit jedem anderen Rechner im Verbund kommunizieren konnte.
Die Grundlage für diese Kommunikation bildet das Internet Protocol, ein digitaler Briefumschlag, in dem die Daten versandt werden. Die IP-Software gab es schon bald für jeden Rechnertyp. Nach und nach entstanden weitere überregionale Netzwerke in den USA, die ebenfalls mit dem Internet-Protocol arbeiteten. Eines dieser Netzwerke baute in den späten Achtzigern die National Science Foundation auf, um fünf Supercomputer miteinander zu verbinden. Aus der Notwendigkeit, diese Rechner auch den Universitäten zugänglich zu machen, entstand schließlich ein überregionales Netz, das die lokalen Netzwerke der Universitäten miteinander und mit den Supercomputern verband. Das Internet war geboren.
Inzwischen ist nahezu jede Universität mit eigenen Computern im Internet vertreten. Forschungsergebnisse lassen sich ebenso von den lokalen Systemen abrufen wie der Speiseplan der Mensa. In einem beschränkten Rahmen hat jeder, der einen Internet-Zugriff hat, Zugang zu den universitären Systemen, kann Informationen abrufen oder Dateien auf den heimischen Computer kopieren. Der Utopie einer freien Informationsgesellschaft kommt kein Modell so nahe, wie das Internet.
Jeder ist erreichbar
Jeder Teilnehmer im Internet ist über seine ganz spezielle Kennung erreichbar. Diese setzt sich aus dessen Usernamen und einer Anschrift des Computers zusammen, auf dem man den Adressaten erreicht.
Trotz der riesigen Struktur des Internet braucht eine Nachricht um die halbe Welt normalerweise nicht mehr als 12 Stunden über 4-5 Stationen. Systeme, die direkt über Standleitungen mit dem Internet verbunden sind, erhalten die Nachrichten noch schneller. Eine Testmail von Compuserve, das einen Übergang nach Internet bietet, benötigte rund drei Minuten, bis sie in der Münchener Cube ankam.
Dabei weiß Computer in den USA meist nicht einmal, wieviele und welche Rechner es etwa in Deutschland gibt und wie diese zu erreichen sind. Trotzdem kommen Mails dank ausgeklügelter Adressierung an: Domain heißt das Zauberwort. Auf einen normalen Brief übertragen ergäbe dieses Verfahren etwa folgende Anschrift:
Erde
Deutschland
München
Sonstwostraße12
Martin Goldmann
Oder, um es in der UUCP-Schreibweise zu schreiben:
MartinGoldmann.Sonstwostraße12.München.Deutschland.Erde
Um jetzt etwa einen Brief aus den USA an Martin Goldmann zu schreiben, müßte der amerikanische Rechner nicht einmal wissen, welche Städte es überhaupt in Deutschland gibt. Es reicht, wenn er die Nachricht einfach an einen Computer weitergibt, der ein Verzeichnis dieser Städte gespeichert hat. Dieser wiederum muß sich nicht in München auskennen - er gibt die Nachricht einfach an einen Rechner weiter, der ein Münchner Straßenverzeichnis gespeichert hat. Auf diese Art findet jede Mail ihren Empfänger, ohne daß es ein Gesamtverzeichnis aller Usenet-Systeme geben muß.
<username>@<rechner>.<do>.<main>
ist die allgemeine Schreibweise einer Usenet-Adresse. Es reicht also nicht aus, den Namen des Empfänger-Computers zu kennen, man muß auch wissen, zu welcher Domain der Rechner gehört, also in welchem Bereich des Internet er sich befindet. Auf das obige Beispiel übertragen wäre dieser Bereich beispielsweise München.Deutschland.Erde.
Eine Empfängeradresse besteht also immer aus dem Mailboxnamen plus der Domain, zum Beispiel cube.net oder link-m.sub.org. Anhand der Domain sub.org kann jeder Rechner des internationalen Netzwerkes die Link-M in München finden.
Digitale Marktplätze: Die Newsgroups
An diese ID kann man von jedem Punkt der Erde aus persönliche elektronische Nachrichten versenden. Doch häufig sucht man den Gedankenaustausch mit einer Gruppe von Menschen. Dieser findet in den Newsgroups genannten Foren des Usenet statt. Hier tauschen sich Online-User zu wirklich allen denkbaren Themen aus. Für das Usenet ist kein eigener Internet-Zugang notwendig. Die Münchener Mailbox Cubenet bietet, ebenso wie viele andere Mailboxen in Deutschland alle Nachrichtenbretter des Usenet an. Das bedeutet Lesevergnügen für Stunden. Diskussionsforen zu allen erdenklichen Themen bieten jedem interessante Beiträge.
Um Katastrophenschutz, Rettungsdienst oder Feuerwehr dreht sich zum Beispiel der Diskussionsbereich misc.emerg-services. Hier diskutieren Angehörige der Rettungsdienste neue Technologien in ihren Einsatzbereichen oder Fallbeispiele.
Literatur
Science-Fiction-Freunde, die allwöchentlich den neuesten Perry-Rhodan-Roman verschlingen, sollten sich in de.rec.sf.perry-rhodan umsehen. Geschwindigkeitsvergleiche zwischen Raumschiff Enterprise und Terranischen Kreuzern werden hier ebenso diskutiert wie die Anzahl der Beiboote, die ein Terranischer Kreuzer an Bord nehmen kann.
Der Fantasy-Kultautor Terry Pratchett ist direkt über Internet erreichbar und zudem ständig im Forum alt.fan.pratchett präsent. Douglas Adams erreicht man zwar nicht direkt per E-Mail, dafür trifft man jede Menge gleichgesinnter Fans im Forum alt.fan.douglas-adams. Auch zu Muskigruppen oder bildenden Künstlern gibt es fan-Gruppen.
Sex & Crime
Immer wieder gern gesehene Kandidaten für reißerische Beiträge in Spiegel oder Focus sind die Sex-Gruppen. Dabei konzentrieren sich solche Artikel eher auf die Schmuddelpornos in alt.binaries.pictures... Neben diesen GIF-Bildersammlungen, im Fachjargon X-rated genannt, findet man auch Foren, die sich ernsthaft mit sexuellen Problemen auseinandersetzen. Die Anonymität der elektronsichen Kommunikation hat hier ganz neue Wege geöffnet, frei über persönliche Probleme zu kommunizieren und auch Hilfe zu finden.
Strenge Kategoriesierung
Das Angebot an Foren ist so unübersichtlich, daß die Nachrichtenbretter nochmals kategorisiert werden. Neben der ausufernden Alt-Gruppe gibt es unter anderem die Comp-Foren für Computer-verwandte Themen oder die Soc-Bretter, die sich mit sozialen Inhalten beschäftigen. Das Nachrichtenaufkommen beträgt täglich mehrere Megabyte Text. Da fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Daher sollte man sich auch auf einige wenige interessante Foren konzentrieren und im Rahmen dieser Interessengebiete Kontakte knüpfen. Ab und an ist natürlich auch ein Bummel durch andere Bretter drin. Doch dafür sollte man sich eine Menge Zeit nehmen.
Die Sprache in den Brettern ist bis auf die Foren der de.-Section ausschließlich englisch. Allerdings sollte man keine Scheu davor haben, auch mit rudimentären Englischkenntnissen Beiträge in die Bretter zu schreiben. Das Publikum in den Foren ist international und stört sich nicht an grammatikalischen Fehlern oder Problemen bei der Rechtschreibung. Solange der Inhalt klar erkennbar ist, wird die Message gelesen und verstanden.
Einzige deutschsprachige Oase ist, wie gerade erwähnt die Gruppe der de.-Foren. Hier finden sich ebenfalls Bretter zu Computern, sozialen Themen oder Fangruppen. Die Fangemeinde von Helge Schneider etwa hat ihr eigenes Forum in de.fan.helge-schneider. Das Niveau der Beiträge in diesem Brett bewegt sich denn auch etwa auf Katzenklo-Höhe.
Doch Elektronische Briefe und weltweiter Austausch von Nachrichten sind nur die Spitze des Internet-Eisbergs. Um sich im Datenangebot des Internet zurechtzufinden gibt es die Gopher-Systeme. 1991 von der University of Minnesota entwickelt, zielte zuerst darauf ab, allen Studenten auf dem Campus Textdokumente und andere Informationen zur Verfügung zu stellen. Der Gopher-Dienst läßt sich einfach und menügesteuert per Cursortasten bedienen. Kryptische Befehle entfallen ebenso wie die Unix-Eingabezeile. Gopher ist übrigens die Bezeichnung für eine amerikanische Wühlmaus.
Das interessante an Gopher ist, daß man nicht auf ein System beispielsweise in einer Universität beschränkt bleibt. Da die Gopher-Systeme ebenfalls untereinander verbunden sind, ist es ein leichtes, vom lokalen Gopher-System auf einen anderen Server irgendwo in der Welt zu gelangen. Nach dem Client/Server-Prinzip bleibt der Benutzer auf seinem lokalen System und es werden nur die Anfragen, sowie die Antworten des entfernten Servers über das Netz geschickt. Gopher verfügt über kein eigenes spezielles Datenformat. Vielmehr werden über dieses System alle möglichen Daten zur Verfügung gestellt, die auch auf anderem Weg via Internet zu finden wären. Allerdings bietet Gopher den Vorteil, daß sich niemand mit langen Internet-Adressen beschäftigen muß, um von einem Server auf einen anderen zu kommen.
Von München aus lassen sich weltweit andere Gopher-Server erreichen. Dazu wählt man einfach aus einem Menü die Region, in der man nach einem weiteren Server suchen will. Ob in Deutschland, Europa, oder weltweit: Gopher-Server gibt es überall. Auch eine Suche nach bestimmten Themengebieten ist in Gopher vorgesehen. Medizinstudenten etwa lassen sich vom Gopher-Server des Leibniz-Rechenzentrum in München eine Liste der Dienste geben, die medizinische Themen behandeln. Leider ist eine solche Kategegorisierung nicht auf jedem Gopher-Server vorhanden. Gegebenenfalls sollte man auf einen anderen Server wechseln, der einen solchen Service bietet.
In unserem Beispiel begeben wir uns via Gopher auf den Rechner der University of Minnesota. Von hier aus verzweigt man weiter auf andere Server rund um die Welt oder nutzt den globalen Suchdienst namens Veronica anbietet. Dieser wiederum durchsucht alle Gopher-Server nach beliebigen Stichwörtern. Dies ist bei weitem der einfachste Weg, zu Informationen zu kommen. Allerdings sollte man sich genau überlegen, welche Stichwörter man Veronica mit auf den Weg gibt. Denn allzu allgemeine Suchbegriffe bringten einen gigantischen Berg von Antworten. Ein Versuch, Dokumente über das unter Biologen populäre Bakterium Escherichia Coli aufzutreiben endete mit einer 28 Seiten langen Liste von Texten zum Bakterium.
Das wirklich schöne an Gopher ist: Man kann nicht viel falsch machen. Wenn Sie also auf einen Gopoher-Server treffen, probieren Sie ihn einfach aus, wühlen Sie sich durch die Menüs und reisen Sie mit der digitalen Wühlmaus einmal um die Welt: Rußland, Ungarn, Argentinien oder Nigeria (?) in nur 30 Minuten.
Mit dem Dienst Telnet etwa gelangt man direkt auf einen anderen Computer im Internet und kann dort, vorausgesetzt man hat die Berechtigung dazu, Programme starten und Recherchen vornehmen.
Dem weltweiten Transfer von Dateien oder Programmen dient FTP. Auf den FTP-Servern warten gigabyteweise Shareware-Programme, wissenschaftliche Texte oder Datensammlungen zu allen Sparten der Forschung darauf, auf lokale Systeme übertragen zu werden.
Um sich in den gigantischen weltweiten Datenbeständen zurechtzufinden, bedient man sich der Archie-Server. Auf ihnen lassen sich Recherchen nach bestimmten Dateinamen oder Themenbereichen durchführen. Bei Erfolg erhält der Suchende den Server, auf dem sich das gewünschte File befindet.
Weiter als diese vorwiegend textorientierten Systeme geht das World Wide Web, kurz WWW genannt. Hier stehen auch multimediale Daten zur Verfügung, also Bilder und Töne. Weiteres Merkmal des WWW ist die Hypertextfähigkeit, die das System so einfach bedienbar macht, wie etwa die Online-Hilfe zu Windows.
Datenfernübertragung: Grundvoraussetzungen
Die technischen Voraussetzungen für den Einstieg in die Welt der Datennetze sind schnell erfüllt. Der Computertyp ist egal: das kann ein Apple Macintosh, ein PC oder eine SUN-Workstation sein. Hauptsache, der Rechner besitzt eine serielle Schnittstelle, an die man ein Modem anschließen kann. Als Modem sollte man ein postzugelassenes Highspeed-Modell wählen, das eine Übertragungsrate von 14.400 bit/s, Datenkompression und Fehlerkorrektur beherrscht. Der Preis für ein solches Gerät liegt derzeit zwischen 350 und 450 Mark, Sodann benötigt der DFÜ-Einsteiger nur noch ein Terminalprogramm. Freunde von DOS sollten Telix oder Telemate kaufen, wer sich nicht von der Windows-Umgebung trennen will, wählt Software wie Procomm Plus für Windows oder Smartcom.
Wie bekommt man Zugang?
Studenten an den Universitäten und Angestellte in manchen großen Unternehmen haben es einfach, an einen Internet-Account zu kommen. Hier gilt es nur, den Systembetreuer zu bitten, einen Internet-Account einzurichten. Privaten Anwendern fällt der Einstieg ins Internet etwas schwerer. Manche Mailboxen, etwa die Münchener Cubenet bieten einen direkten Zugriff auf das Netz. Zudem bekommt man bei einigen Vereinen wie dem Münchener MUC.DE e.V. gegen eine Monatsgebühr Zugriff auf die Datenwelt. Dieser Beitrag richtet sich nach dem gewünschten Dienst und liegt zwischen 20 Mark für die Mailanbindung und 55 Mark für alle Dienste, also Mail, Newsgroups und voller Nutzung aller Internet-Dienste wie ftp, Gopher oder Telnet. Doch Vorsicht: Accounts, die etwa über MUC.DE abgeschlossen werden, sind ausschließlich für private Zwecke vorgesehen -- wer über Internet Geschäfte abwickeln will oder die hier gewonnenen Daten kommerziell verwertet, ist mit einem solchen Account schlecht beraten.
Jeder User der Münchener Mailbox Cubenet kann einen Internet-Zugang beantragen. Dazu schreibt er eine Mail an den Systemverwalter. Gegen eine Grundgebühr von 40 Mark im Monat darf sich der Internet-Frischling in die weite Welt des Datennetzes begeben. Cubenet-User haben den Vorteil, daß sie ihren Account auch für kommerzielle Zwecke nutzen dürfen.




