Finden, finden, finden und an die Surfer denken - Kommentar in pl@net 12/96
Jeder Nasenbär, der das Wort „Suchmaschine“ buchstabieren kann, bietet einen Index oder eine Suchmaschine im Web an. In den USA stolpert der Netzwanderer an jeder Ecke über lästig lauernde Recherchehilfen, die alle nur eins wollen: viele Zugriffe, um ihre Werbung zu verkaufen. Hotbot, Altavista, Yahoo, Lycos, Webcrawler und wie sie alle heißen versprechen die ultimative Such- und Findeerfahrung im Netz der Netze. Das mag ok sein, jeder soll seine Lieblingsmaschine aussuchen und fürderhin glücklich durch das weite Netz surfen.
Doch wohin soll das führen, wenn jeder eine Suchmaschine oder einen Index ins Web bringt? Wird es bald mehr Suchmaschinen geben als Homepages mit Inhalt? Werden die Werbemanager bald nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Kohle? Wieviele verlorene Seelen werden im Internet umherirren, Seelen, die von Suchmaschine zu Suchmaschine wandern, immer wieder querverwiesen auf einen anderen Index?
Und jetzt kommen Sie auch noch zu uns, die Krautversionen der Recherchehilfen. Yahoo und Lycos sind eingedeutscht und wollen uns den Weg im deutschen Internet-Sprachraum weisen, flankiert von Suchhilfen wie Netguide, Aladin oder den Altvorderen Dino und Web.de.
Regionalisierung im Web? Unfug. Was Netguide und die aktuelle Lycos.de-Version liefern ist ohnehin glatter Humbug: Nur .de-, .at- und .ch-Domains zu durchsuchen, liefert lange nicht alle deutschsprachigen Inhalte. Wer braucht das? Wenn man nach einem Begriff sucht, egal ob in Deutsch, Niederländisch oder Kisuaheli, wirft man Altavista an und recherchiert dort. Und will der geneigte Surfer unbedingt ausschließlich in deutschsprachigen Inhalten wühlen, bedient er sich der Indizes Web.de, Dino oder Yahoo.de. Besser wären allerdings mehrsprachige, menügesteuerte Indizes. Nur so offenbart sich dem Rechercheur das gesamte Spektrum des Webs. Das Web ist international. Regionale Suchmaschinen haben hier nichts zu suchen. Sie begrenzen nur den Horizont, schränken die Informationsreichweite im Netz ein. Deutschsprachige Suchmaschinen sind kontrainformativ.
Ästhetik bitte
Wie multikulturell das World Wide Web ist, erfahren wir tagtäglich an den gestalterischen Entgleisungen auf den WWW-Seiten dieser Welt. Wer immer zwei Tags hintereinander setzen oder einen HTML-Editor bedienen kann, fühlt sich berufen, dem Netz der Netze seine spezielle Vorstellung von Farbenpracht und Ästhetik mitzuteilen.
Und die HTML-Programmierer fallen auf jeden Blödsinn herein, den die Mode bietet. Letzter Auswuchs: Die animierten GIFs. Auf allen Homepages zappelt es und wackelt es, daß sich der Betrachter einem epileptischen Anfall näher denn je fühlt. Denn die Schlaumeier von der Multimedia-Brachial-Front haben nicht begriffen, daß für eine saubere Animation mehr als zwei sich abwechselnde Bildchen notwendig sind. Und jeder Trickfilm gehört in ein eigenes Frame -- genau. Und natürlich muß jede Site, von der ein Hyperlink wegführt, mindestens zwei Frames im Browser des Users hinterlassen -- sonst findet der arme Kerl ja nicht mehr zurück.
Keine WWW-Homepage darf sich mehr ohne Sound hören lassen. Den gestandenen Surfer freut es immer, wenn er sich bei netzverpestenden, stumpfsinnigen, einfältigen Möchtegerntechnotracks akustisch verlustieren darf.
Das Web ist brutal. Derartiges Design ist keinem Menschen zuzumuten, der bei Verstand bleiben will. Doch eigentlich können die Programmierer nichts dafür. Netscape und Microsoft sind Schuld. Niemand dort hätte Frames zulassen dürfen, die farbigen Fonts waren eine Schnapsidee und grelle Hintergrundgrafiken schaden den Augen. Doch die Farben- und Klangpracht, von einigen wirren Wesen als multimedial bezeichnet, läßt sich nicht mehr aufhalten. Back to Mosaic!




