Geschichten aus Fürth: Die Seestraße
Seit wir umgezogen sind, habe ich ein Problem: Niemand versteht den Namen der Straße, in der wir jetzt leben. Zumindest niemand in Fürth. Und das ist komisch. Denn die Straße heißt schlicht und einfach „Seestraße“.
Früher war es ganz einfach, nach dem Rückzug aus München nisteten wir uns zunächst in der Cadolzburger Straße ein. Cadolzburger Straße? Kein Problem. Nur beim Ausfüllen von Formularen wurde der Tag etwas lang – mit einem handschriftlichen „Hans-Martin Goldmann“ aus der „Cadolzburger Straße“ kann man als umerzogener Linkshänder einen halben Nachmittag verbringen.
Aber am Telefon oder auf dem Amt war die Cadolzburger Straße nie schwierig. Zumindest innerhalb Fürths nicht. Der Taxifahrer wusste wohin und meine Zeitung habe ich auch gleich an die richtige Adresse bekommen. Schlimmstenfalls konnte ich mir mit einem „in der Nähe von der Billing-Anlage“ behelfen.
Selbst bei Telefonaten nach Nürnberg ließ sich die Cadolzburger Straße vermitteln. Ein Hinweis „wie Cadolzburg“ genügte. Schon kam der Heizungsmonteur zur Cadolzburger Straße – zwar zu der in Nürnberg, aber immerhin.
Vergebens ist der Hinweis auf den schönen Markt Cadolzburg, sobald der Gesprächspartner mehr als 20 Kilometer außerhalb der Bratwurst- und Bierzone sitzt. Hier hilft nur Buchstabieren: „Cäsar Anton Dora Otto Ludwig Zeppelin und Burg wie Burg.“, schlug ich der Dame im Callcenter vor, als es um die Änderung der Lieferadresse für ein Zeitschriftenabo ging. Das Heft kam monatelang in die Cadlozburger Straße. Klingt auch schön, aber eher nach einem Ort im slawischen Sprachraum und weniger nach dem Rangau. Doch zum Glück kommt die Post mit diesem Buchstabendreher zurecht.
Als wir in die Seestraße umgezogen waren, kehrte sich alles um: Alle Abos landen, wie es sich gehört in der Seestraße, beim Telefonat mit jedem Callcenter ist immer klar: See wie der See. Viele Menschen können sich einen See gut vorstellen.
Nur die Fürther nicht. Ein See und Fürth passen einfach nicht zusammen. Wer hat auch je davon gehört: „Fürth, am lieblichen Fürther See“ oder „ein Schloss am Fürther See“. Keine Tretboote, keine Uferpromenade, keine Segler. Fürth hat keinen See, basta. Also existiert im kollektiven Fürther Stadtplangedächtnis auch keine Seestraße.
So entspinnen sich in Behörde, Laden oder Werkstatt mit steter Routine klärende Dialoge, die zunächst den „Zeh“ und das „Seh“ ausschließen. Erst nach einigen Verhandlungen einigen wir uns auf den ungewöhnlichsten, unvorstellbaren Namen: „Seestraße“. Es wird Zeit, dass Fürth einen See bekommt – vielleicht können wir das Thermalbad ein wenig erweitern? Im Wiesengrund ist Platz genug.




