976 Beiträge rss | 32 Nutzer online

Free Fallin' - Aktien im freien Fall

Wer in diesen Tagen Internet-Aktien in seinem Depot hält, braucht Nerven. Mein Freund Jan hat sie schon fast verloren.

(Der Text stammt aus einer im August 2000 erschienenen Kolumne - so richtig hat es damals noch gar nicht gekracht. Aber es war nicht mehr lang bis zum Crash.)

Heute morgen rief mein Freund Jan an. "Hast Du das gesehen," ächzte er in den Hörer. "Ich gucke schon gar nicht mehr hin," antwortete ich. Es folgte das übliche Telefonat. Wir sprachen uns Mut zu, skandierten Durchhalteparolen und hoffen nun gemeinsam auf den Nachmittag. Denn Jan und ich haben Internet-Aktien.

Dabei ist Jan sonst ein eher zurückhaltender Zeitgenosse. Seinen allabendlichen Gesprächsunterhalt bestreitet er mit fundamentaloppositionellen Stellungnahmen gegen große Autos, populäre Heimwerkersendungen oder Microsoft. Er kennt sich gut aus mit Wein und weiß genau, welcher flache Fisch zu welcher Rebsorte paßt. Alles in allem ein ruhiger, gepflegter Zeitgenosse, der noch nicht so ganz genau weiß, wohin mit seinem vor vier Jahren abgeschlossenen Geographiestudium.

Doch in einer Beziehung ist Jan nicht zu halten. Denn vor gut drei Jahren verfiel er den Aktien. Zunächst erlebte er mit Manfred Krugs T-Aktie, daß deutsche Standardwerte auch aufwärts gehen. Bei Siemens und Veba lernte Jan, daß man sich mit Wertpapieren gelegentlich in Grund und Boden langweilt. Eines Tages kam das lukrative Erwachen. Aus einer Laune heraus kaufte Jan ein paar Netscape-Aktien und sah innerhalb eines Monats einen Aufschwung um 35 Prozent. Flugs hat er die Aktien verkauft, das Geld in Adaptec gesteckt und wieder verloren.

Seitdem ist Jan konditioniert: "Alte Hightechwerte böse, Internetaktien gut". Nun zockt er regelmäßig bei seinem Online-Broker. In den dortigen Boards bekannt unter dem Pseudonym "The Mighty Mighty Money Giant with the golden Händchen" tauscht er leidenschaftlich Analysen mit seinen interaktiven Kumpels aus. Meistens ist der Grundtenor: "Klar, Internetaktien laufen auch noch weiter. Jede Kursschwäche zum Kaufen nutzen. Ich habe auch gerade wieder zugegriffen."

Zweckoptimismus hat Hochkonjunktur. Dabei hatten einige Werte wie AOL zum Kurshoch im April innerhalb nur eines Jahres fast um das Zehnfache zugelegt. Fehlt nur noch, daß jetzt jemand murmelt "Ich habe alles unter Kontrolle, ich kann jederzeit aufhören." Unkenrufer, die eine platzende Spekulationsblase sahen, wurden ignoriert oder verbal an die Wand gestellt. Und nun haben sie leider recht. Anleger watschen ihre Internet-Aktien wie AOL, Yahoo, Doubleklick oder E-Trade in Grund und Boden.

Meinem Freund Jan bekommt das nicht sehr gut. In diesen Tagen sehe ich ihn immer öfter mit Rändern unter den Augen. Morgens geht er gar nicht mehr Online. Die deutschen Kurse bestätigen nur das Dilemma vom Vorabend. Nachmittags kehren ein wenig Mut und Hoffnung zurück. Da sitzt er ab 15:45 Uhr gebannt vor dem Monitor und drückt alle drei Sekunden [F5], um seine US-Kursliste neu zu laden. Bis in den Abend hockt er da, nimmt nur wenig Nahrung zu sich und faselt dauernd, daß er die Aktien "verdammtnochmal" hätte verkaufen sollen, als sie noch hoch standen. Aber jetzt muß er einfach durch. "Aussitzen".

Seit drei Wochen verweigert Jan sogar die ntv-Telebörse um 19.15. Nicht einmal der Freitagabend mit den Hoppenstedt-Charts von Hans-Dieter Schulz macht ihm noch Spaß. Dabei hatten ihn gerade diese psychedelisch in LSD-Farben gehaltenen Linien und Formationen zum Lachen gebracht. "Der ist doch auf Drogen," rief Jan jedesmal. Doch nun ist Jan stumm. Hans-Dieter Schulz analysiert seine Charts für andere Zuschauer.

Und so versinken Jan und ich in Gram um unser schönes Geld. Die Laune auf dem Nullpunkt, sind wir eine Plage für die Umwelt. Wohlhabend waren wir geworden mit Internet-Aktien, haben DAX-Anleger verspottet. Und nun sitzen wir auf dem Boden der Tatsachen und lassen die Häme der Sparbuchbesitzer über uns ergehen.

Doch es geht bestimmt weiter. Wir müssen das nur abwarten. Jan und ich haben unsere Depots voll unter Kontrolle, können jederzeit aussteigen. Und die Internet-Aktien kommen wieder, dann scheint die Sonne. Und dann wird Jan anrufen und sagen "Hast Du das gesehen?". Und ich werde antworten: "Ja, ich habe es gesehen. Und es sah gut aus." Verkaufen werden wir dann nicht -- schließlich wird es ja wohl noch weiter aufwärts gehen.

Mehr dazu:

Aktualisiert am: 08.01.2007




Ihr Kommentar:


Name:


Copyright © goldmann.de 1999-2012   | Tippscout 5.0
Zurück Startseite