Lan-Party für Senioren
LAN-Parties! Die sind im Trend. Tausende junger Menschen vernetzen sich und bringen sich virtuell um die Ecke. Für uns gereifte Computer-Freunde ist das leider gar nichts mehr.
(PC-Direkt 11/2002)
Frank, mein persönlicher Computer-Guru, hatte einen Atari XL und irgendwann noch einen Amiga. Und zu viert oder zu fünft sind wir bei ihm herumgehangen und haben gespielt. Meist haben wir uns gemeinsam durch Dungeons gekloppt oder uns wechselweise bei einem Strategiespiel aus dem Zimmer geschickt. Wir waren jung, wir waren wild und wir hatten Soft Cakes und Cola.
Heute ist Frank Arzt und ich fühle mich alt. Ich spüre die Distanz zur Jugend: LAN-Parties? Nein, das ist nichts mehr für uns. Und zu recht: Gemessen in Computer-Zeitaltern sind wir bereits die Ur-ur-ur-ur-Großväter jener Generation, die heute nächtelang Turnhallen mit Egoshooter-Getöse füllt.
Aber wir wollen nicht auf's Altenteil. Wir spielen immer noch gerne. Nur vielleicht etwas ruhigeres. Meine Forderung: Gebt uns LAN-Parties für die ältere Generation ab 35. Nennt sie meinetwegen Senioren-Netzwerk-Feierlichkeiten.
Wir nehmen dann unsere Pentium 233er mit und verdrahten sie mit Coaxial-Kabeln. Hubs, 100 MBit – alles Kinderkabelkram. Wir mögen es seriös und gemütlich mit T-Stück und Terminator. Statt zugiger Turnhallen mieten wir uns eine Aula im Seniorenstift, auf die harten Bürostühle kommen Sitzkissen. Und statt Cola gibt es Kräutertee und ab und an mal ein Tässchen Kaffe Hag für den Kreislauf. Aus den Hallenlautsprechern tönt harter Metal von Iron Maiden oder Judas Priest in gedämpfter Zimmerlautstärke. Wem's trotzdem zu laut ist, der schnappt sich die Schachtel Oropax, die am Eingang gratis verteilt wird.
Wir spielen Hearts in der Netzwerk-Edition, an einigen Tischen wird hart um die Vorherrschaft bei Hanse gerungen. Alle zehn Minuten gibt es eine kurze Pause. Und jede Stunde hilft ein Physiotherapeut beim Aufstehen und turnt mit einfachen Dehnübungen gegen die Verspannungen. Ein Sanitätshelfer misst gratis den Blutdruck.
Unsere Spielernamen sind "Bladerunner" oder "Terminator", einige nennen sich "Shaft" oder "Starsky" und "Hutch". Noch ältere kommen als "Bullit" oder "Sundance" dazu. Die ganz harten nennen sich "Doyle" und "Bodie". Die und andere Nervenstarke sitzen einem eigenen, abgedunkelten Raum bei einer Runde Doom. Aber auch hier gilt: Senioren-Safety-first: neben jedem PC steht ein Notschalter, der sofort den Raum hell erleuchtet und einen Psychotherapeuten herbeiruft, um die grausamen Alpträume von den Imps wieder loszuwerden.




