Norton Commander gegen Star Commander und Ergo - Vergleichstest 1990
Der neue "Norton Commander" ist in der englischen Fassung erschienen. Die Version 3.0 weckt viele Erwartungen bei den Anwendern. Im Test stellt sich der "Norton Commander 3.0" einem Vergleich mit dem ebenfalls neuen "Star Manager 2.0" und "Ergo 3.0".
(erschienen in Computer Persönlich 5/1990)
Auf den ersten Blick kommt der neue "Norton Commander" daher wie eh und je: Wie schon die alten Versionen ist da eine zweigeteilter Bildschirm. Auf jedem Teil ist ein Verzeichnis zu sehen. Durch diese Konfiguration ist es sehr einfach, Dateien zwischen Verzeichnissen zu kopieren oder zu verschieben. Im Verschieben liegt die zweite große Stärke des Altmeisters: Mit "Move" werden Dateien erst kopiert und dann im Ursprungsverzeichnis gelöscht. Bequemer kann man kaum seine Directories aufräumen. Je nach Wunsch können eines oder beide Fenster ausgeblendet werden. Auch eine "Tree"-Funktion ist enthalten, mit der man den Verzeichnisbaum betrachten kann. Zum Ansehen und Editieren von Dateien dienen die Befehle "Edit" und "View". Der Editor hat einige "Word-Star"-kompatible Befehle, wie z.B.
In der Menüleiste stehen weitere DOS-Befehle, wie "Delete" und "Mkdir" bereit. Die Eingaben auf der Shell-Ebene werden weitgehend überflüssig. Die Aktionen werden immer auf die Dateien bezogen, auf denen sich der Cursor befindet. Wenn ein Befehl auf mehrere Dateien ausgeführt werden soll, muß man diese Files mittels [Einfg], bzw. [Ins] markieren. Auch das ganze Verzeichnis kann markiert werden. Dabei ist es möglich, daß Wildcards verwendet werden, d.h. nur Dateien mit bestimmten Endungen (*.TXT) betroffen sind. Was fehlt, ist eine Option, ganze Verzeichnisse einschließlich den Unterdirectories auf einen Schlag zu löschen. Inzwischen hat fast jede Oberfläche eine solche Funktion.
Der große Vorteil des Commanders ist der direkte Durchgriff auf die DOS-Shell. Im Gegensatz zu anderen Benutzeroberflächen muß man hier nicht extra das "COMMAND.COM" aufrufen, um das volle Potential des Kommandointerpreters auszunutzen. Eine Sache, die viel Zeit sparen kann. Das merkt man besonders bei Kopier- und Löschaktionen. Beim Norton Commander ist es z.B. sinnvoller, ein Verzeichnis mit "del *.*" zu löschen, als die entsprechende zeitraubende Funktion des Commanders in Anspruch zu nehmen. Ein weiterer Vorteil des Durchgriffs ist die Gelegenheit, trotz einer Benutzeroberfläche weiterhin mit Batch-Dateien zu arbeiten. Wer sich nicht mit diesen Stapelverarbeitungen abgeben will, kann auch im "Menü" seine Standard-Anwendungen einbinden. Allerdings braucht man dann aber DOS-Kenntnisse. Denn jeder Befehl im Menü ist mit einer Reihe von Befehlszeilen verknüpft, die beim Aufruf den Menü-Punktes ausgeführt werden. Die Menü-Optionen können, soweit das vorher definiert wurde, auch mit Hotkeys ausgelöst werden. Sehr interessant ist, daß mit einem Menüpunkt mehrere Programme nacheinander ausgeführt werden können. Wenn ein Anwender z.B. Briefe per DFÜ versenden will, kann er mit einem Menüaufruf zuerst einen Texteditor und dann das Terminalprogramm aufrufen.
Eine unentbehrliche Hilfe ist die History-Funktion. Hier werden die zuletzt ausgeführten DOS-Befehle gespeichert und können bequem wieder aufgerufen werden. Das hilft bei oft wiederholten Befehlen, z.B. beim Compilieren von Programmen. Auch andere wichtige Features, wie der Verzeichnisbaum, ein File-Finder und die selektive Anzeige von Dateitypen sind vorhanden.
Wenn man ein Nullmodem-Kabel besitzt, kann man den neuen Norton Commander auch als Datei-Übertragungs-Programm verwenden. Der Datentransfer findet mit maximal 115.200 Baud statt. Für das Kopieren von kleinen und mittleren Datenmengen reicht das allemal aus. Schön ist, daß die gewohnte Oberfläche dabei erhalten bleibt. Ein Fenster zeigt den lokalen Rechner, während das andere den Inhalt des Host-PC Verzeichnisses zeigt. Eine gutes Feature für Laptop-Besitzer.
Wenn man normalerweise eine gewisse Zeit nicht am PC arbeitet, besteht die Gefahr, daß der Bildschirm einbrennt. Dagegen hat der Commander eine Screen-Save-Funktion, die den Schirm nach einer gewissen Zeit abschaltet. Diese Zeitspanne ist zwischen einer und 40 Minuten einstellbar.
Originell ist die Idee, die linkshändige Bedienung der Maus zu berücksichtigen. Dabei werden die beiden Maustasten vertauscht.
Die Hilfe-Funktion ist sehr gut gelungen. Jetzt beschränkt sich die Anwender-Unterstützung nicht mehr auf ein paar Befehle, sondern orientiert sich an der augenblicklich gewählten Funktion und hat außerdem einen Index -- das Handbuch wird fast überflüssig. Allerdings gibt es ein Problem: Der Hilfetext läßt sich zwar bequem mit den Cursor-Tasten, nicht aber mit der Maus scrollen. Und das obwohl an der rechten Seite ein Scroll-Balken vorhanden ist.
Interessant, aber in der Bundesrepublik kaum zu nutzen, ist der MCI-Mailer. Damit kann man, sofern man einen Account im amerikanischen Mailbox-System MCI hat, bequem seine Post erledigen.
Die Benutzeroberfläche von Norton kann auf Farb-, Schwarz/Weiß- und Laptop-Bildschirme eingestellt werden. Bei der Farb-Darstellung können die Farben nicht frei eingestellt werden.
Der "Star Manager 2.0" kommt in edlem Gewand. Die Oberfläche richtet sich nach dem SAA-Standard. Das sind von IBM vertretene Richtlinien, die der Vereinheitlichung von Benutzeroberflächen dienen soll. Populärster Vertreter dieses Standards ist "Microsoft Windows". Alle Funktionen sind sowohl per Maus, als auch mit dem Keyboard anwählbar. Wie der Norton Commander kann auch der Manager zwei Verzeichnisfenster öffnen.
Das angenehmste Feature des Managers ist die Verzeichnisverwaltung. Hiermit können bequem Verzeichnisse mit Unterdirectories kopiert, gelöscht und verschoben werden. Ein Anwendungsbereich, der jedem User viel bringt. Auch die anderen Zusätze sind nicht schlecht: Es gibt einen sehr komfortablen Editor mit Optionen, wie Block-Operationen und Suchen/Ersetzen. Leider fehlt hier eine ständige Anzeige von Zeile und Spalte -- diese muß über einen gesonderten Menü-Punkt aufgerufen werden. Gerade, wenn ein solcher Editor zum Schreiben von Source-Codes benutzt werden soll, ist eine ständige Anzeige unbedingt nötig. Optional läßt sich der Editor mit Word-Star-Befehlen steuern. Wenn es sich bei dem zu editierenden File nicht um einen Text handelt, tritt ein Disketten-Monitor in Aktion. Damit wird der Disketten-Inhalt sektorenweise gezeigt. Ähnlich funktioniert der RAM-Editor. Mit diesem kann der Speicherinhalt aufgelistet und geändert werden. Das ist besonders interessant für Programmierer. Eine residente ASCII-Tabelle kann aus jeder Anwendung heraus aufgerufen werden, sofern diese vom Manager aus gestartet wurde. Das gewünschte Zeichen wird einfach mit der Maus oder [Return] angewählt und in die laufende Anwendung übernommen. Ebenfalls resident ist ein Taschenrechner vorhanden. Dieser bietet besonders für Programmierer wichtige Eigenschaften: Umrechnung von Hexadezimalzahlen in Dezimalwerte, sowie die Booleschen Operatoren "AND" und "XOR".
Ein Karteikasten dient der Speicherung von Notizen und wichtigen Adressen. Wie bei richtigen Karteikarten werden die Datensätze anhand der ersten Zeile einer Karte ausgesucht. Eine nette Beigabe zum Star Manager ist eine komplette Kartei mit allen DOS-Befehlen und den dazugehörigen Erklärungen. Leider kann der Karteikasten nicht resident aufgerufen werden.
Der Star Manager ist ideal mit der Maus zu bedienen. Mit dem Keyboard ergeben sich einige Unstimmigkeiten. So muß man bestimmte Aktionen nicht mit [Return], sondern mit der Leertaste bestätigen.
Alle Farben lassen sich frei einstellen. Sogar das Verhalten von markierten Dateinamen ist wählbar. Besonders bei der Anwendung auf einem Laptop ist es z.B. sehr angenehm, wenn gewählte Filenamen blinken.
Ergo hat als einziges der getesteten Programme nur ein Verzeichnisfenster. Die stärkste Seite des Programms zeigt sich bei der Gestaltung der Menüs. Angelehnt an die Sprache Pascal werden Auswahlen definiert. Unter einem Punkt können sich weitere Menüs verbergen. Wie beim Norton Commander kann man unter einem Menüpunkt mehrere Anwendungen nacheinander starten. Auch ein Extension-Menu ist vorhanden, bei dem man, je nach Erweiterung eines Files (z.B. TXT) bestimmte Aktionen mit der Datei verbinden kann.
Der Editor von Ergo hat alle wichtigen Funktionen, wie Blockoperationen und Suchen-Ersetzen. Sehr nützlich ist der "Spalten-Block". Mit diesem kann ein rechteckiger Ausschnitt markiert werden. Man ist also nicht von dem Aufbau und der Breite der Zeilen abhängig. In der Bedienung richtet er sich weitgehend nach den altbekannten Word-Star Tastatur-Befehlen. Der Editor kann maximal 160 KByte Text bearbeiten. Das genügt auch für längere Texte oder Source-Codes.
Ergo enthält alle wichtigen Befehle zum Umgang mit dem Betriebssystem. Auch Verzeichnisse können (inklusive Unterdirectories) verschoben oder gelöscht werden. Nur sucht man vergeblich nach einem Befehl, die Festplatte zu formatieren. Auch ist es beim Test nicht gelungen eine Datei innerhalb eines Verzeichnisses auf einen anderen Namen umzukopieren. Das ist zum Anlegen von Sicherheitskopien unerläßlich.
Unangenehmes brachte die Funktion "Verzeichnis verstecken". Damit kann man zwar ein Directory verstecken. Eine Anweisung zum Entfernen des "Hidden"-Attributs suchten wir jedoch vergeblich. Auch eine Anweisung zum Kopieren ganzer Verzeichnisse fehlt.
Eine Paßwort-Funktion verhindert, daß sich unbefugte Benutzer an dem System vergreifen. Besonders auf Netzwerken ist diese Funktion interessant. So kann z.B. Benutzern erlaubt werden, lediglich in einen bestimmten Verzeichnis Programme auszuführen. Befehle, wie "Dateien löschen" oder Diskette "formatieren" bleiben dann Usern mit höherer Priorität vorbehalten. Jedem Befehl unter Ergo kann eine Priorität zugeordnet werden. Im Einzelplatzbetrieb bringt die Paßwortstruktur (insgesamt können 255 Userlevel vergeben werden) nicht so viel. Denn: Ohne weiteres bringt man sich durch einen Reset auf die DOS-Shell, auch wenn der Zugriff gesperrt ist.
Auch ein Disketten-Monitor ist implementiert. Hiermit kann der Anwender direkt die Bytes eines Files verändern oder nach bestimmten Zeichenketten suchen. Eine Funktion, die man beim Norton Commander schmerzlich vermißt. Ein Optimizer ordnet die Festplatte und beschleunigt den Zugriff. Diese Funktion arbeitet bei Ergo nicht so sorgfältig wie beim Star Manager, ist aber deutlich schneller.
Ergänzt wird das Paket mit einer ASCII-Tabelle, einem Kalender und einem Taschenrechner. Aus der Tabelle heraus können Sonderzeichen direkt in andere Anwendungen von Ergo übertragen werden. Eine Übernahme in Programme außerhalb von Ergo ist nicht möglich, da sich die Oberfläche bei einem Programmaufruf selbst aus dem Speicher entfernt und somit auch keine residente ASCII-Tabelle vorhanden sein kann. Der Kalender dient lediglich zur Orientierung und Feststellung von Feiertagen. Ein Zeitplaner oder eine Terminverwaltung fehlen.
Einen sehr guten Eindruck macht der Taschenrechner mit dem in allen wichtigen Zahlensystemen (Dezimal, Hexadezimal, Binär) gerechnet werden kann. In einem Fenster wird die Formel aufgestellt, in einem zweiten das Ergebnis gezeigt. Die Formel und somit das Ergebnis kann jederzeit verändert werden. Bis zu 24 Variablen lassen sich bei der Formel eingeben. Auch logische Verknüpfungen und zahlreiche geometrische Funktionen sind eingebaut.
Mit der Brieffunktion kann man anderen Anwendern Nachrichten hinterlassen. Diese Option ist auf Netzwerken recht sinnvoll. Allerdings wird dem User beim Starten des Programms nicht angezeigt, ob Post für ihn vorhanden ist. Diese Funktion könnte, wenn noch etwas daran gefeilt wird, sehr sinnvoll sein.
Ein "TSR-Verwalter" dient dem Löschen und neuerlichem Laden von speicherresidenten Programmen. Die Voraussetzung zum Betrieb dieser Option schafft ein kleines residentes Programm. Im Speicher befindliche Programme können dann entgegengesetzt der Reihenfolge, in der sie geladen wurden, wieder entfernt werden. In einer gesonderten Liste wird die Software festgelegt, die sich resident laden läßt.
Faszinierend schnell ist die Suche nach Dateien. Schneller als seine beiden Konkurrenten fand Ergo alle TXT-Dateien auf der Festplatte. Während der Norton Commander sieben Sekunden brauchte und bei Star Manager nach jedem gefundenen Textfile erst eine Bestätigung erfolgen mußte, war das DMV-Produkt mit zwei Sekunden unschlagbar. Die Bildschirmabschaltung ist von 1 -- 50 Minuten frei einstellbar.
Handbuch und Hilfe-Funktion zu Ergo sind eher mager ausgefallen. Die Hilfstexte sind nicht sehr vielsagend, auch ausführliche Beispiele fehlen.
Meinung
Peter Norton und seine Mannen weigern sich anscheinend hartnäckig: Eine Funktion, Verzeichnisse inklusive Unterdirectories zu löschen oder zu verschieben gibt es nach wie vor nicht. Das ist ein dicker Malus für die ansonsten einwandfrei arbeitende Benutzeroberfläche. Das Programm glänzt durch ausgereifte Benutzerführung und viele interessante Features. Besonders gelungen ist die "Commander Link" zum Übertragung von Dateien zwischen zwei Rechnern.
Der Star Manager ist ein starkes Stück Software. Das Programmkonzept ist durchdacht. Mit den Move- und Lösch-Befehlen für Directories kann man die Platte komfortabel in Ordnung halten. Auch die Funktionen, wie Optimieren und das sehr einfach zu programierende Menü sind sehr hilfreich. Die Benutzerführung ist dank des SAA-Standards sehr einfach. Einziges Manko: Für Befehle, die direkt auf der DOS-Ebene ausgführt werden sollen, muß immer erst ein Menüpunkt aufgerufen werden. Doch wer nicht allzuoft auf diese Befehle angewiesen ist, bekommt mit dem Star Manager einen zuverlässigen Partner im harten Alltag mit dem PC.
Ergo konnte im Test in einigen Punkten überzeugen: Mit der Paßwortstruktur und die vielseitige Menüsprache. Für Einsteiger ist aber gerade diese Sprache etwas zu kompliziert. Der Taschenrechner macht einen hervorragenden Eindruck. Schade nur, daß keine Ergo-Anwendung resident geladen und aus anderen Programmen heraus aufgerufen werden kann. Auch sonst gibt es einige Schwachstellen. So liest das Programm bei jedem Laufwerkwechsel den kompletten Verzeichnisbaum ein. Sinnvoller wäre es, wenn dieser nur dann aufgestellt wird, wenn man ihn wirklich benötigt. Auch ist es ungünstig, daß jeweils nur ein Directory auf einmal angezeigt wird. Schnelle Aufräumarbeiten sind mit Ergo kaum zu bewältigen. Der Editor und vor allem der Taschenrechner gleichen sehr viel aus.
Ergo ist ordentlich gemacht, aber sicher nicht erste Wahl. Der eigentliche Gewinner des Vergleichs ist Star Manager. Sein einziges Manko ist der fehlende Direktzugriff auf die DOS-Shell, so wie es der Norton Commander bietet. Für Anwender, die nicht allein auf die Oberfläche angewiesen sein wollen und DOS-Kenntnisse haben, ist der Norton Commander angebracht. Ansonsten sollte die Entscheidung für den Star Manager fallen.




