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Termine mit dem Handheld-Computer

Wenn im Zug einer hinter Ihnen sitzt und wie irre mit einem Plastikstift auf einem Handteller großen Display kritzelt -- dann könnte das Jan sein.

erschienen als Jan hat einen Handheld in Internet Professionell 3/2002

Jan sitzt neben mir im Intercity und knobelt an seinem neuen Handheld. Er ist mächtig stolz auf seinen Taschenrechner. Seit Würzburg sitzt er da und zeichnet alberne Kringel mit seinem Stift auf das Display. Kurz vor Fulda steht er auf. Stolz schwellt seine Brust und hebt den Handheld: "So, alle Termine eingetragen".

"Welche Termine, Jan?" frage ich ihn.

Jan holt tief Luft. Er klingt dabei wie einer, der in einer herrlich ruhigen Schlucht steht und richtig tief und hörbar einatmet, nur um dann seiner Frau zuzurufen "Is das nich herrlich ruhig hier, Herta?".

Jan beugt sich zu mir. "Schau, am Freitag muss ich zum Zahnarzt." Er zeichnet einen weiteren Kringel auf das Display. "Am Donnerstagabend komme ich nach Hause. Und dann erinnert mich das Gerät an den Termin. Klasse, oder?"

"Übermorgen ist Freitag, Jan" sage ich.

Jan lässt sich nicht beeindrucken. Das kleine Gerät hat ihn, den eingefleischten Mac-User, verhext. Das wundert mich. Denn der Palmtop ist weder laut, noch zeigt er animierte Grafiken, noch kann er CDs brennen.

Wozu braucht Jan diesen Termin-Rechner? Er ist ohnehin ein hoffnungsloser Fall. Wenn er einen Termin hat, dann verduselt er ihn -- egal ob mit oder ohne Terminkalender. Seine Taktik ist einfach: Nimm Dir eine Menge vor, bestätige viele Termine. Lass die Termine einander überlappen und befinde es dann für unmöglich, alle Termine wahr zu nehmen. "Ich muss Prioritäten setzen und kann schließlich nicht alles machen," sind Jans letzte Worte, bevor er wieder ein Mal ins Chaos versinkt.

Jan hat schon mehr als einen Zeit-Management-Trainer in den Wahnsinn getrieben. Drei Seminare hat er vergessen zu besuchen. Beim vierten Seminar kam er nicht rechtzeitig aus der Mittagspause und beim fünften Anlauf "Organisiere Dich selbst für Hoffnungslose" hat Jan den Trainer so weit gebracht, dass der alle Terminkalender weg geworfen hat und in die Toskana gezogen ist.

"Das ist die Zukunft für das Internet", reißt mich Jan aus meinen Gedanken. Jan ist ein wenig zu laut in seiner Begeisterung. Die Mitfahrer auf den Sitzen vor uns drehen sich schon um und klappern demonstrativ lauter mit ihren Notebook-Tastaturen. Fehlt nur noch, dass Jan gleich aufsteht und "ich habe einen Traum" in den Großraumwagen ruft. Vermutlich würden ihn ein paar wütende Handys treffen.

"Und das Ding verwaltet ja nicht nur Termine. Ich kann ja auch völlig interaktiv mit WAP und GPRS-Handy ein Web-Erlebnis haben. Wirst sehen, wenn ich ein Schnäppchen machen will, kann ich jederzeit Preise vergleichen. Ich muss mich nur online einwählen, Produkt und Preis eintippen und schon bekomme ich das beste Schnäppchen um die Ecke. Zum Beispiel Turnschuhe. Ich zeig's Dir."

Bevor ich ihn abhalten kann, klappt Jan das erstaunlich flott das Tischchen aus der Armlehne und legt Palmtop nebst Handy darauf. Dann dreht er die Infrarot-Schnittstellen zueinander und fängt an zu malen. Ein paar Kringel später fährt der Zug in die Kurve. Daneben gekringelt -- und das Handy ist auch elegant vom Tisch gerutscht.

Aber Jan gibt nicht auf.

Vier Kurven und zahllose Kringel später hat er eine Verbindung zum Internet. Sie ist grausam langsam, Zeichen um Zeichen quält sich auf den LCD-Schirm.

"Ich suche jetzt mal nach Laufschuhen in Hannover," erklärt Jan und sieht mich nach einem Jubelschrei heischend an. Ich sehe Jans Wohlstandsbauch an und frage mich, warum er plötzlich Laufschuhe kaufen möchte.

"Jan, was kostet das?"

"Keine Ahnung, das findet das Programm ja gerade heraus", ignoriert Jan den eigentlichen Sinn meiner Frage. "Schau," Jan kringelt weiter, "ich habe jetzt 'laufschuhe' eingegeben und ein Laden in der Turmstraße hat die Schuhe tatsächlich zwei Euro und vier Cent billiger als in der Bahnhofstraße."

Ein langer Eisenbahntunnel rettet mich vor Jans weiteren Ausflügen ins Internet.

"Aber jetzt pass auf", beendet Jan die Pause. "Ich habe das Ding ja nicht zum Spaß. Hier ist der gesamte Messeplan gespeichert."

"Du hast nur zwei Termine, Jan, einen in Halle 1 und einen in Halle 8", frage ich ihn und zeige auf seinen Schmierzettel mit den Terminen.

"Ja, aber ich könnte mich jederzeit auf der Messe verirren und dann die Standnummer ermitteln."

Endlich fährt der Zug in Hannover ein.

"Jan, hast Du die Adresse unserer Gastgeber?"

Jan verdreht die Augen und schaut mich schuldbewusst an. "Die hab' ich vergessen."

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Aktualisiert am: 26.11.2005




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