Textkritik: Freizeit fristen?
Diesmal steht eine längere Passage zur Kritik. Sie stammt aus einer Pressemitteilung der "Neuen Apotheken Illustrierten/Gesundheit". Das Thema "Altersdiabetes auch bei Kindern":
Was hilft? Kinder nicht mästen, denn was einmal an Fett da ist, verschwindet selten wieder, sondern dringend auf eine in der Kalorienzufuhr dem Alter entsprechende vollwertige Ernährung achten. Und darauf, dass Kinder sich bewegen, anstatt ihre Freizeit vor Fernseher und Computer zu fristen.
Meine Kritikpunkte:
- Der Satz "Und darauf, dass Kinder sich bewegen, anstatt ihre Freizeit vor Fernseher und Computer zu fristen." ist nicht vollständig. Es fehlen ein Subjekt und das "achten" aus dem vorigen Satz.
- Die Formulierung "Freizeit [..] fristen". Das passt meiner Ansicht nach nicht zusammen. Man "fristet sein Dasein" oder "fristet das Leben", schlägt sich also durchs Leben, kommt über die Runden, lebt mit Entbehrungen, leidet Not. Freizeit "verbringt" man.
- Der Satz "Kinder nicht mästen [..] Ernährung achten" ist deutlich zu lang. Für den Leser ist er schwer zu erfassen. Zudem stehen "dringend" und "achten" so weit auseinander. Der Leser fragt sich bis zum "achten" die ganze Zeit was denn so "dringend" sei.
- Behördendeutsch: "eine in der Kalorienzufuhr dem Alter entsprechende vollwertige Ernährung". Das versteht nicht jeder auf Anhieb.
- Statt "Was hilft?" sollte hier meiner Ansicht nach eine klare Aussage stehen: "Das hilft:". Denn der Leser will Antworten und keine Fragen.
Mein Lösungsvorschlag:
Die Handlungsanweisungen in einer Aufzählung unterbringen, den Satz über vollwertige Nahrung und Kalorienzufuhr aufteilen. Zum Beispiel:
Das hilft:
- Kinder nicht mästen, denn was einmal an Fett da ist, verschwindet selten wieder
- den Kindern vollwertige Nahrung geben
- darauf achten, dass die Kinder nicht mehr Kalorien zu sich nehmen, als dem Alter entsprechend notwendig ist
- darauf achten, dass Kinder sich bewegen, anstatt ihre Freizeit vor Fernseher und Computer zu verbringen
Was meinen Sie dazu?
Mehr dazu:
Die hier vorgeschlagene Textänderung ist meines Erachtens eine 150%ige
Verbesserung des alten Textes. Wenn hier nicht ein akuter Platzmangel
bestanden hätte und deswegen dieser Telegramm-Stil notwendig wäre,
dann ist dieser Text absolut blamabel für diesen Verlag bzw. dieses
Informationsblatt. Wer schreibt denn dort nur solche Texte, die
Putzfrau? Wenn ich ein Kind mit Übergewicht hätte und ich würde diesen
Artikel lesen, die Zeitschrift würde mit einem Schwung im Abfalleimer
landen und ich würde mir denken "ihr könnt mich mal". Das die
Ernährungsprobleme bei Kindern sensibel angefasst werden müssen,
dürfte wohl jedem Arzt oder auch dem Artikelschreiber bewußt sein.
A.S.
[Angela Sturm | 25.12.2003]
Antworten
hallo,
"freizeit . fristen" finde ich in zusammenhang mit fernseher und
computer gar nicht schlecht. Deine alternative "verbringen" ist ja
auch nicht besonders sexy.
"mästen" ist hier allerdings wirklich überzogen. ein typischer versuch
eines pr-schreibers (und leider auch so mancher journalisten), flott
oder gar witzig zu sein. überhaupt ist der satz ziemlich banal. wer
"mästet" schon bewußt seine kinder? das ist doch meist eher
gedankenlosigkeit. und wer erwartet dann auch noch ernsthaft, daß
angefuttertes fett quasi von selbst "wieder verschwindet"?
was mich allerdings am meisten stört, ist ein häufiger fehler in
vielen pr-texten: ein interessantes thema wird angerissen, aber dann
kommt nur wenig informatives (wobei ich natürlich den restlichen text
nicht kenne, vielleicht steht da ja noch was). aber wichtig wäre hier
m.e. schon, zumindest ein paar stichpunkte zu "vollwertiger nahrung"
zu bringen, ebenso zu kalorien- und bewegungs-bedarf. wie Du richtig
bemerkst, will der leser antworten.
[weepee | 02.12.2003]
Antworten
Einverstanden: 'Mästen' ist noch ein wenig zu stark. Vielleicht noch
'füttern'?
[Martin Goldmann | 25.08.2003]
Antworten
Die Aufzählung ist übersichtlicher und deshalb besser. Stichwort
"mästen" - ein Schwein wird gemästet, um es zu schlachten. Kinder
werden ernährt oder erzogen. Mein Vorschlag: Kinder nicht zu Dicken
erziehen, denn was einmal an Fett da ist, verschwindet selten wieder.
[Elisabeth Pooth | 22.08.2003]
Antworten




