Eine Glosse zum Thema Web-Design, die ich im Juni 2003 in der Zeitschrift Internet Professionell unter dem Titel "Optisches Grauen und Unfähigkeit" veröffentlicht hatte.
Da zerbricht sich eine ganze Branche den Kopf, wie man Web-Seiten noch interaktiver gestalten, Animationen noch animierter aussehen lassen und viele Nutzer auf die Seiten ziehen kann. Jeder redet vom Business. Aber noch immer fehlt es an Grundlagen.
Die Grausamkeiten im Web werden wohl nicht aussterben. Damit sind nicht geschmacklose Bilder von zerstückelten Fröschen gemeint. Nein, es sind die immer noch von gruseligem Dilettantismus geprägten Homepages.
Private Anbieter mögen in dieser Kolumne ungeschoren davonkommen. Das Netz soll Publikationsmedium sein für alle und jeden. Freedom of Speech, Net-Society, Cyber-Civitas was immer Sie hören wollen. Mehr Sorgen machen mir die Händler in diesem Netz. Es ist erschütternd, wie viel Unfähigkeit kleine und mittelgroße Firmen auf ihre Eingangsseiten klatschen.
Da ist immer die Rede von Online-Shopping und E-Commerce. Und vor allem von Business to Business. Prima. Versuchen wir einmal, als Business von einem anderen Business ein paar bedruckte Kaffeetassen mit hübschen Werbesprüchen zu ordern. Schnell die Suche gestartet und Altavista spuckt brav Seiten aus, die relevant erscheinen.
Seite Nummer 1. Schon schockt die Optik: Knallgelber Hintergrund, rote Schrift, seltsam voneinander abgesetzte Buttons, Bilder, die zwar einen Schatten haben, jedoch zwischen Schatten und Gelb einen weißen Rand zeigen. Wo ist die Sonnenbrille?
Brauchbare Informationen sind ebenso Fehlanzeige wie aktuelle Preise. Anscheinend will sich niemand die Mühe machen, das Angebot zu pflegen. Oder steckt da der gute alte Irrtum dahinter, "ich sage nix, dann müssen nämlich die Leute bei mir anrufen"? Immerhin darf jeder, der eine Anfrage hat, ein Formular ausfüllen, auf das die Steuerbehörden neidisch wären.
Nächste Site, neues Glück. Ich stoße auf die Aussage "kennt die Welt des Dekors keine Grenzen". Auch wenn das Sinnbild schief hängt, immerhin sind die Farben augenfreundlicher. Der Site aber merkt man das tiefe Betastadium an. Tassen stehen alleine auf weiter Flur. Nichtssagende Informationen aus der Welt des Dekors werden nur noch übertroffen vom Slogan "Wir legen Ihnen die Werbung in den Mund". Vielen Dank es reicht mir, wenn Sie meine Werbung auf die Tasse drucken.
So kennt das Dekor zwar keine Grenzen, wohl aber das Informationsdesign. Die harte (grenzenlose) Welt weist den Gestalter dort heftig in die Schranken. Aber macht nix, sage ich mir und schreibe eine Mail mit der Bitte um Information. Offenbar geschockt von dieser unerwarteten Nachricht verharrt das Unternehmen bis jetzt in Stase. Ich sehe die entsetzte Tassen-Crew vor mir. Sie sitzen um den Konferenztisch, einige starren aus dem Fenster, andere haben die Gesichter in den Händen vergraben. Der Chef, ein älterer, seriöser Herr mit schütterem Haar hebt verzweifelt seine Hand: "Ein Kunde hat eine Mail geschrieben, Gott helfe uns!"
Noch eine Site begegnet mir auf der Suche nach der bedruckten Tasse. Drei Bilder zeigen Kugelschreiber, Tassen und Eurorechner. Wunderschön zentriert über blauem Grund machen die Bilder Hoffnung auf mehr. "Preise erfahren Sie auf Anfrage", steht in grellem Rot auf dem blauen Grund. Meine Augen suchen verzweifelt einen Fokus. Aus dieser Anfrage wird wohl auch nichts werden, die tapfere Firma hat offenbar von den Problemen der anderen Tassenanbieter gehört und verzichtet gleich darauf, eine Mail-Adresse preiszugeben.
So, meine Damen und Herren, sieht die Realität im Netz aus. Nix interaktiv. Nicht einmal intelligent. Auf den Homepages der Firmen herrscht das optische Grauen und die Unfähigkeit, mit dem Medium umzugehen. Aber bestimmt habe ich etwas falsch gemacht. Denn bevor man sucht, muss man ja bekanntlich wissen, was man wo genau aufstöbern will. Bei meinem nächsten Versuch stelle ich mich mit einem Fernglas auf eine Business-to-Business-Plattform und halte Ausschau nach weniger trüben Tassen. Oder ich kaufe mir ein paar wasserfeste Stifte und bemale selbst ein paar Plastikbecher. Ist eh billiger, schont die Augen und macht herrlich high, wenn man lang genug an den Stiften schnüffelt.
