Werbung auf dem PC (WIN 5/97)
Germany.net will Gratis-Internet-Zugänge mit Werbeunterbechungen anbieten, schreibt das Handelsblatt. Eine nette Idee. Beim Download des neuesten Windows-Kernel-Patches erscheinen also künftig Meldungen wie: "Wir setzen den Download fort nach diesen kurzen Verbraucherinformationen" oder "Mehr Seitenaufbau nach dieser kleinen Werbepause." Natürlich passen sich die Werbeinhalte dem Verhalten des Users an. Wer sich regelmäßig auf einschlägig anstößigen Homepages herumtreibt, bekommt Angebote zur Seelenrettung vom Vatikan oder die Nummern noch einschlägigerer Telefonservices. Germany.net ist allerdings nicht alleine mit seiner Idee. Dem Vernehmen nach bastelt Microsoft bereits eifrig an einer Schnittstelle namens ActiveAd für Sponsoring und Werbung unter Windows.
Auf Nachfrage gab Microsoft erste Details preis: Künftig erscheint beim Start von Microsoft-Produkten nicht mehr alleine das Logo der Textverarbeitung. Sponsoren versüßen die Ladezeit: "Krombacher wünscht viel Spaß bei der Arbeit mit Winword", "TV-Spielfilm präsentiert Active Movie" oder "Unsere Programmierer werden ausgestattet von C&A und Hugo Boss."Innerhalb einer Anwendung bietet sich Funktions-Sponsoring in der Statusbar oder in Infofenstern an. "Hasseröder speichert Ihren Text" oder "Duden korrigiert Ihr Dokument". ActiveAd ändert für zahlungskräftige Werbepartner sogar die Namen von Menüs. Künftig findet man "Format/Absatz" unter dem neuen Namen "Marlboro/Format/Absatz". Unternehmen mit kleinerem Budget bringen ihre Nachrichten in tieferen Menüebenen oder Schriftnamen unter, etwa "Format/Zeichen/Schriftart/Arial-West-Light".Teuer werden die Werbeflächen auf dem Desktop. Für die Systemuhr rechts unten hat sich Tag Heuer als Hauptinteressent gemeldet. An der Sanduhr zeigen Seiko und Citizen Interesse. Es geht um ein Millionenbudget für das prominente und stets präsente Wartezeichen.Das größte Potential bergen Fehlermeldungen. Statt eines öden "Bitte rufen Sie die Hotline an", erschallt bei einem Problem mehrstimmig "Nullhundertneunzigdreidreieinsdreidreieins -- RUF AN!" oder ein männlich-trunken-herbes "Systemadministratoren aus Deiner Stadt triffst Du auf der Bug-Hotline." Fatale Fehler schließlich bilden schließlich die ideale Werbeplattform für Baldrian oder Valium-Präparate.Verbilligt sich durch ActiveAd die Software für den Anwender? Microsoft-Sprecher verneinen. Man denke im Gegenteil über einen Preisaufschlag nach: "Schließlich bieten wir unseren Kunden ein deutliches Mehr an Informationen," so ein Microsoft-internes Statement "wenn wir die Werbung gratis anbieten, könnten wir genauso kostenlosen Support anbieten -- das wäre nicht im Sinne der Kunden."
Mehr dazu:
Wer über die Telefonbuch-Seite (!keine Werbung!) im Internet schon
einmal drei Adressen abgefragt hat und anschließend neun
"Werbe-Fenster" schließen mußte, kann sich die Auswirkungen, die hier
geschildert werden lebhaft vorstellen. Für ein paar Animationen bei
einer Word- oder Excel-Bearbeitung wäre auch nichts einzuwenden. Nur
befürchte ich, dass im Internet langsam die Grenze der
"Werbungs-Belastbarkeit" für den Endbenutzer erreicht ist. Es wäre
dann sicher an der Zeit für pfiffige Softwareunternehmen hier eine
"Werbefilter"-Software auf den Markt zu bringen. Dieser
lachmuskelfördernde Beitrag zeigt wieder einmal mehr, wie lästig
Werbung werden kann. Ich kann nur sagen: "Mehr Werbung, nein danke!".
A.S.
[Angela Sturm | 01.12.2003]
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