Albtraum Internet Werbung

“Wirb oder stirb” haben sie gesagt. “Hast geworben, bist gestorben”, sage ich. TV-Spots, Bannerwerbung und Bonus-Programme haben bei Internet-Firmen versagt. Doch jetzt kommt Jan mit einer neuen Agentur und neuen Werbeformen.

(erschienen in Internet Professionell 8/2002)

Dieser Montag-Morgen ist grausam: Früh um halb sieben leeren öffentliche Angestellte den Altglas-Container. Und natürlich müssen Sie den Container dabei zwei mal gegen die Ladewand ihres laut dieselnden LKW rumpeln lassen. Pünktlich um viertel vor acht führt dann die Nachbarin Ihre quietschend-bellende Dackel-Schäferhund-Kreuzung auf die Straße. Ich denke im Halbschlaf an eine Dampfwalze.

Gerade wieder zurück der REM-Phase, höre ich es an der Tür klingeln. “Ob ich etwas gegen ehemalige Strafgefangene hätte”, fragt mich mein Gegenüber. Und ehe ich mich versehe, drückt mir der Mensch eine Liste in die Hand. Wenn ich innerhalb der nächsten dreißig Minuten diese 400 Internet-Adressen abrufen würde, bekäme er einen Punkt…

Ich lege mich wieder hin, und versuche, noch ein wenig Schlaf zu bekommen.

Um kurz vor 10 sitze ich bei Jan, zum Frühstück. Ich habe schlechte Laune und erzähle Jan von meinem Ärger.

“Toll, gell?”, sagt Jan. “Das sind meine Jungs. Internet-Werbung der zweiten Generation. Der Ex-Strafgefangene ist übrigens Rüdiger, mein Cousin. Der ist gerade Zivi.”, klärt mich Jan auf.

Ich hätte wissen müssen, wer hinter solchem Unfug steckt. “Das mit dem Hund warst Du aber nicht?”, frage ich ihn.

“Doch, natürlich. Menschen, die früh geweckt werden, sind besonders aufnahmebereit für jede Art von Werbung, nur um Ruhe zu haben. Und, woran hast Du gedacht, als der Hund gebellt hat?”

“An eine Dampfwalze.”

“Siehst Du”, sagt Jan. “Und wenn ich Dir nun sage, dass ich www.dampfwalze24.org vertrete? So einfach ist dass: Assoziative Guerilla-Werbung im Halbschlaf. Wenn ich das vermarkte, habe ich es geschafft.

Der Bedarf ist riesig. Wir haben gigantische Bandbreiten im Netz, mehr als wir je benötigen. Und ich helfe gegen einen kleinen Obulus, die Leitungen besser auszulasten.”

Jan fährt fort, als er merkt, dass keine Widerworte kommen. Ich kann meinen Mund nicht aufmachen. “Ich habe ein globales Netzwerk geschaffen aus Werbetreibenden. Das muss flächendeckend geplant sein. Und wir müssen tiefer in das Bewusstsein der Menschen eindringen.”

Jan macht mir Angst. Plötzlich sieht er aus, als hätte jemand zwei, drei Bösewichter aus den Marvel-Comics gleichzeitig auf Folie kopiert und übereinander gelegt. Was, wenn er mit so einem Konzept ausnahmsweise mal nicht scheitert?

Es wird Zeit, zu gehen. Ich muss ins Büro. Auf dem Weg dorthin gehe ich noch in der Post vorbei, Briefmarken kaufen. Und mich trifft fast der Schlag: Letsbuyit hat doch noch in der Tat noch ein paar Mark aufgetan und bei der Post Werbeplatz auf den Briefmarken gekauft. Ob die Marken noch etwas wert sind? Auf der Euro-Note taucht beim Bezahlen ein Consors-Logo auf.

Jans Idee scheint sich durchzusetzen. Ich hätte ihm das gar nicht zugetraut.

Plötzlich stehe ich wieder auf der Straße. Da reißt mich einer aus meinen Gedanken: Ob ich denn meine Persönlichkeit testen wolle, regt er an und weist auf einen Raum voller Computer. Ich merke sofort: Der will mich ins Netz locken. Selbst der stumme Mann mit Trenchcoat im U-Bahn-Geschoss hält statt des Wachturm einen Zettel mit einer URL in der Hand. Der Kontrolleur bedankt sich mit einem “wapwaphurra.de” und statt “bitte zurücktreten” meldet sich der U-Bahn-Fahrer mit “unsere Türen schließen jetzt dank T-Online”.

In meinem Büro begrüßt mich mein Anrufbeantworter mit “Heute schon gewappt” und als ich meinen Rechner einschalte erscheint statt des Windows-Logos ein “heute 10.000 Internet-Meilen gratis, wenn Sie dotdot.com vorbei-surfen”.

Ich traue mich gar nicht, ins Internet zu gehen, bleibe offline, stöpsele das DSL-Modem aus dem Splitter. Doch keine Chance: Word meldet beim Start “Diese Textverarbeitung wird unterstützt von ishouldhaveboughtthat.com”.

Irgendwo klingelt es. Will da jemand Internet-Auftritte an der Tür verkaufen? Ich schwebe zur Tür, sie wird halb durchsichtig, verschwimmt und verschwindet schließlich.

Ich wache auf. Was für ein gruseliger Traum. Fehlt nur noch, dass eine Stimme aus dem Off flüstert: “Dieser Traum wurde Ihnen präsentiert von Baldrianin. Schlafen Sie nächstes Mal ruhiger.”

Es ist gleich acht. Ich muss aufstehen, habe eine Verabredung mit Jan zum Frühstück. Aber ich habe Angst. Hat Jan vielleicht schon einen Weg gefunden, in Träumen Werbung einzublenden? Ich glaube, ich sage ihm ab und gehe eine Runde spazieren — mal sehen, ob noch alles in Ordnung ist, draußen in der Offline-Welt.

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