Architektur-Fotografie und stürzende Linien

Man hat es nicht leicht mit Fotomodellen. Das muss auch Computerfoto-Kolumnist Martin Goldmann erfahren. Die Location: Das Haus. Die Situation: Umzug.

(erschienen in Computerfoto 10/2004)

Franziska ist ein klein wenig unwirsch, als ich sie bitte, den Karton doch so noch ein klein wenig höher zu halten und sich etwas mehr ins Licht zu drehen. Denn es hat gut 30 Grad im Schatten und im Karton stecken Franziskas Kochbücher.

Franziska hat eine Menge Kochbücher, groß, schwer. Aber sie macht sich gerade ziemlich gut auf diesem Umzugsbild. Und das muss ich ausnutzen.

In der Tat. Wir sind umgezogen. Ein kleines, schmuckes Häuschen etwas zu weit draußen, um es noch als „am Stadtrand“ deklarieren zu können. Mit dem Häuserkauf alleine war es allerdings nicht getan. Irgendwie müssen die Möbel, Klamotten und Kochbücher ja auch noch ins neue Haus.

Franziska dreht sich herum und schleppt den Karton ins Haus. Sie hat kein Verständnis dafür, dass so ein Umzug ausführlich dokumentiert und künstlerisch interpretiert werden muss.

„Warum hast Du das nicht letzte Woche fotografiert,“ fragt sie.

„Weil ich da keine Zeit hatte – da sind wir umgezogen,“ gebe ich schnippisch zurück. „Hast Du das schon vergessen?“

Ich weiß nicht, was sie so schlimm daran findet, dass wir noch ein paar Umzugsbilder nachfotografieren.

„Und warum kann ich keine leere Kiste nehmen?“

„Weil es sonst nicht authentisch ist,“ antworte ich. Ich rede auf sie ein wie ein Fotograf, der sein Modell beruhigt, ihm noch ein Gläschen Schampus bringen lässt und ihm sagt „Ruh’ Dich erstmal aus“.

„Ruh’ Dich erstmal aus,“ sage ich zu Franziska. „Magst Du ein Glas Wasser?“

Franziska wirkt ausgesprochen angesäuert. Ich entschließe mich, doch erst noch ein paar Aufnahmen des Hauses zu machen. Das Licht passt gerade.

Also, was haben wir über Architekturfotografie gelernt? Linien stürzen, Häuser sehen schief aus. Ich muss versuchen, an vernünftige Perspektiven zu kommen. Mein Versuch, auf den Glascontainer auf der Straßenseite gegenüber zu klettern, scheitert an meinen Birkenstock-Imitaten. Das sind nicht die perfekten Haltbringer zum Erstürmen eines Glascontainers.

Also: Weit genug weg gehen und Zoomen. Oder war das ganz nah ran und Zoom raus? Egal, ich probiere beides und ignoriere die Nachbarn, die schon ein wenig erstaunt dreinschauen, als ich in kurzen Hosen, barfuss in ausgesprochen wenig attraktiven Sandaletten-Hausschuhen an Ihnen vorbeiturne, mich mal hinknie, mal die Kamera weit über den Kopf halte und seltsame Dinge vor mich hin murmle, während ich mich an ihnen vorbei in ihren Garten drücke.

Die sollen ruhig gleich wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ja, Ihr habt einen Fotografen in der Nachbarschaft. Oder zumindest einen, der sich dafür hält.

Die Architektur-Fotografie trifft mich mit voller Wucht, als ich die Bilder auf dem PC einlese. (Der ist natürlich schon ausgepackt und aufgebaut.) Ich hätte nicht gedacht, dass die Mauer neben dem Durchgang zum Garten so schief ist. Und dass sich die Bäume von der anderen Seite her zum Haus neigen. So eine Optik ist schon eine heikle Sache. Außerdem hat unser Haus einen gruseligen Blaustich. Warum habe ich das vorher nicht gemerkt.

Irgendwie sind die Bilder nichts geworden. Auch einiges Herumzerren mit dem Transformationswerkzeug bringen Dachrinnen und Mauern nicht gerade. Man soll einfach keine Häuser fotografieren. Lieber Menschen fotografieren. Menschen in Aktion. Menschen beim Umzug. Da ist eh mehr Dynamik drin.

Franziska ist offenbar ausgeruht – sie sitzt nicht mehr auf den Stufen vor dem Haus, als ich zurückkomme. Sie hat sich wohl zurückgezogen und keine besondere Lust mehr auf Umzugsfotos. Schade. Dabei habe ich gerade extra zwei Bücher aus ihrem Karton genommen…

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