Bilder erklären: die kaputte Maus

Wer schon einmal in einer Galerie stand, das Prosecco-Gläschen in der linken, der weiß: ein Bild braucht eine Geschichte. Es braucht Interpretation, eine Leitlinie, auf der sich der Betrachter in die Gedankenwelt des Künstlers hineinfinden kann. Diese Kolumne gibt Ihnen einen Einblick in die Gedankenwelt des Computerfoto-Kolumnisten Martin Goldmann.

(erschienen in Computerfoto 9/2004)

Nehmen wir das Foto auf dieser Seite. Eine Maus — nicht mehr ganz intakt. Was mag sie wohl in diesen Zustand gebracht haben? Nein, vergessen Sie Ihren ersten Gedanken. Das ist nicht der erste Prototyp der kabellosen Maus.

Ich will ehrlich mit Ihnen sein: es war ein Wutanfall. Einer dieser Sorte, die man eher gegen Abend bekommt. Zu Zeiten, da andere schon vor der Tagesschau sitzen, und man selbst eben mal noch das eine Bild nachbearbeiten möchte.

Kaputte optische Maus ohne Kabel

In diesen zwei Wörtchen „eben mal“ steckt all die Dramatik, die ein Mensch erleben kann, wenn er seine Bildbearbeitung gestartet hat. Denn „eben mal“ bedeutet so viel wie „das endet im Chaos“ oder „heute geht noch so richtig etwas schief“. Verwechseln Sie nicht „eben mal“ mit „muss noch schnell“. Bei „eben mal“ geht nur alles rund um Ihren Computer oder Ihre Kamera herum daneben. Das „eben mal“ bleibt auf Ihren privaten Mikrokosmos beschränkt. Bei „muss noch schnell“ spielen jedoch weit höhere Kräfte eine Rolle: Blitzeis, Stromausfall, Starkregen, Grippewelle. All das stellt sich gegen „muss noch schnell die Bilder in die Druckerei übertragen“ oder „muss noch schnell das Paket abgeben“.

Ich will eben mal dieses eine Bild nachschärfen, Helligkeit und Kontrast anpassen, um es heute Abend noch einem Kollegen zu schicken. Routine-Arbeit. Aber ich hätte nicht „eben mal“ denken sollen. Denn meine Maus hat das gehört und sich entschlossen, die Hauptrolle im folgenden Drama zu übernehmen.

Die Maus hat sich entschlossen, mehr zu arbeiten. An sich ist das löblich. Aber statt eines einzelnen Klick führt die Maus nun plötzlich immer einen Doppelklick aus — irgendwie muss da was an den Mikroschaltern nicht stimmen. Das Ergebnis dieser Doppelmoppel-Aktionen ist fatal: Statt eine Datei per Drag & Drop zu verschieben, öffnet meine eifrige Maus das File und die dazu gehörende Anwendung…

Das muss nicht sein und vergrämt mich ein bisschen.

Nach einigen Versuchen schaffe ich es endlich, mein Bild in ein neues Verzeichnis zu kopieren und kann es öffnen. Ein hübsches, sachliches Bild. Ich öffne das Menü „Bild“ und es schließt sich sofort wieder – meine eifrige Maus schlägt wieder zu — und ich bekomme zu viel.

Ich schlage zurück. In der Vergangenheit hat es immer geholfen, die Maus mehrfach fest auf den Tisch zu donnern, um ihr die Doppelklick-Manie abzugewöhnen.

Aberglaube? Abreagieren? Wie auch immer. Heute hilft das Donnern nicht — die Maus springt lediglich beleidigt auf. Ich nutze die Gelegenheit und öffne die Maus komplett — vielleicht kann ich die Schalter reparieren.

Es bleibt beim vielleicht. Nach dem Reparaturversuch und dem schließen feuert die Maus erneut ein paar Doppelklicks in den Rechner und ich feuere die Maus wütend vom Tisch.

Ich habe die Rechnung ohne das Biest gemacht: Die Maus bleibt an ihrer Leine hängen und schwingt an mein Schienenbein. Das ist zuviel — ich reiße sorgfältig die Leitung aus der Maus und werfe das Ding gegen die Wand.

Das also ist die Geschichte dieses Bildes. Die Aufnahme ist ein paar Monate später entstanden — zart von seitlich hinten beleuchtet kommt der rote Untergrund der Maus recht hübsch durch.

Und vielleicht ist es doch wahr: Vielleicht wurde die kabellose Maus an einem Abend wie diesem „eben mal“ erfunden.

Lesen Sie hier weiter: Byebye Apple Pages