Das Hochzeitsfoto

Martin Goldmann hat schon einschlägige Erfahrung mit Hochzeitsfotos. Doch auf seiner eigenen Hochzeit darf er nicht fotografieren. Aus gutem Grund.

(erschienen in Computerfoto 10/2003)

“Schreib doch darüber, dass Du auf unserer Hochzeit nicht fotografieren darfst”, schlägt mir Franziska vor. Wir gehen nebeneinander her und ich finde die Idee nicht schlecht.

“Prima”, sage ich, “dann muss ich ja heimlich ein paar Bilder machen, damit ich für die Kolumne richtig recherchieren kann. Weißt Du, ich brauche ein Gefühl dafür, wie es ist, heimlich auf der Hochzeit…”.

Weiter komme ich nicht, da trifft mich Franziskas Ellenbogen schon wieder in den Rippen. “Untersteh’ Dich”, lächelt sie. Und ich weiß, ich habe keine Chance, auch nur ein einziges Bild auf meiner eigenen Hochzeit zu machen.

Hochzeit und Fotografie - das Bild vom Boden des Standesamt

Sie kennen das: Um Sie herum nur Menschen mit Kameras. High-Tech-Geräte mit vielen Rädchen, an denen man drehen kann, Wippen, die man wippen kann und Auslösern, die man drücken kann. Und mitten drin – ich. Die einzigen Knöpfe an denen ich drehen und drücken kann, hängen vorne an meinem Sakko.

Also keine Kamera. Zum Glück ist der Rest der Familie mit digitalen Fotoapparaten ausgestattet. Matthias, gelernter Fotograf, kämpft gegen die Speicherzeit meiner Nikon. Der Arme ist es gewohnt, schnell zehn, zwanzig Bilder hintereinander zu machen. Pustekuchen. Erst wird gespeichert. Matthias entdeckt die Langsamkeit und das Fehlen aller Spontaneität beim Fotografieren. Das nimmt ihn ein wenig mit.

Doch noch mehr quält ihn, glaube ich, dass ich nicht fotografieren darf. Denn zum Ausgleich dirigiere ich ihn und helfe ihm ein wenig. Was weiß schon ein Modefotograf davon, wie man ein Hochzeitspaar hinstellt? Immerhin haben wir ein Gläschen Sekt bekommen vor der Aufnahme. Ich drehe mich ein wenig fotogener in die Kamera und setze mein bestes Lächeln auf.

Doch Matthias drückt nicht ab. “Was ist?”, frage ich ihn. Matthias blickt stur auf die Kamera und beachtet mich nicht. “Ich kann auch ein wenig mehr die Schulter nach vorne drehen”, sage ich ihm, “reicht das Lächeln? Sieht das natürlich genug aus? Warte mal”, sage ich und tausche Position mit Franziska. “So stehen wir besser im Licht. Oder nicht?”

Auf dem Foto sieht man nur mein schmerzverzerrtes Gesicht, als mich Franziskas Ellenbogen in den Rippen trifft. Und zum ersten Mal grinst Matthias ein wenig hinter der Kamera.

Außerdem hat er immer irgendwie den Blitz in die falsche Richtung gedreht. “Dreh doch den Blitz etwas mehr nach vorne. Das Ding hat auch einen Reflektor…” — und Franziska knufft mir wieder in die Rippen. Jetzt darf ich nicht mal mehr einem Fotografen sagen, wie er fotografieren soll? So kann ich nicht arbeiten.

Doch dann kommt doch noch meine Gelegenheit. Franziskas Mutter gibt mir für einen kurzen Augenblick meine kompakte Minolta zum Halten. Sofort nutze ich die Gelegenheit – meine Rippen sind außerhalb der Reichweite von Franziskas Ellenbogen.

Ich nutze die Gelegenheit und nehme ein beeindruckendes Bild des Standesamt-Fußbodens auf. Hach, das hat gut getan. Doch schon steht Franziska neben mir und mustert erst die Kamera und dann mich mit ihrem unnachahmlich liebevollen Blick. Bevor mich der Ellenbogen trifft, gebe ich die Kamera schnell zurück. Schließlich soll ich ja darüber schreiben, dass ich nicht fotografieren darf.

Nachbemerkung: Natürlich ist diese Kolumne frei erfunden. Franziska knufft mich nie in die Rippen, Matthias hat fast keine Anweisungen bekommen und natürlich würde ich nie auf die Idee kommen, auf meiner eigenen Hochzeit zu fotografieren. Nur die Hochzeit ist wahr – und das eine Foto.

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