Design vor Information

Ein neues Jahrtausend ist da. Sind wie Menschen jetzt schlauer? Ist das Informationszeitalter jetzt vorbei? Wie heißt denn die neue Ära? PC-ONLiNE-Kolumnist Martin Goldmann nennt sie das Desinformationszeitalter.

(erschienen in PC-Online 2/2000)

Gerade frage ich meinen Kollegen Markus, ob er etwas Großes aus dem Netz hole. Denn die Performance unseres Routers war eingebrochen. “Ich muß so einen Flash-Mist herunterladen, weil ich einen Preis wissen will,” antwortet er und bringt es auf den Punkt: Warum zwingen uns Anbieter, Plugins herunterzuladen, wenn wir nur ein Detail erfahren wollen? Ein User geht auf die Site, will kurz und knapp Informationen und bekommt Multimedia, Plugins und Null-Information.

Macromedia kann man dafür nicht alleine die Schuld geben. Das Unternehmen programmiert interessante Produkte. Aber warum meinen immer mehr Anbieter, diese Monster-Animationen vor einen minimalen Informationskern setzen zu müssen. “Zukunftsorientiert wolle man sein,” ließ kürzlich eine Mitarbeiterin von Nintendo meinen Kollegen Richard wissen. Der war auf der Suche nach Informationen über das Spiel Pokemon schier verzweifelt. Was ist denn zukunftsorientiert daran, Wissen zu verbergen? Sind wir schon so weit, dass wir in eine Null-Informationsgesellschaft stürzen?

Wir sind auf dem besten Weg in das Desinformationszeitalter – Des-Information nicht im Sinne von ent-informieren, sondern als Kürzel für Design-Information, als traurigen Nachweis, dass Design vor Information kommt

Folgende Thesen nagle ich virtuell und frech an jedes Portal:

These Nummer 1: Niemand traut sich, Informationen auf eine Site zu stellen, weil er dafür nicht die Verantwortung übernehmen will. Es könnte ja sein, dass jemand diese Informationen braucht oder missbraucht.

These 2: Unternehmen publizieren die falschen Informationen, da sie nicht wissen, was für den Leser wichtig ist. Die meistpublizierte Information auf Websites ist “Herzlich Willkommen”. Kurz darauf folgen Informationen wie “Wir sind Marktführer für Hundehalsbänder für Rehpinscher-Schäferhundmischlinge” oder “Bitte warten, Animation wird geladen.”

These 3: Unternehmen und Anbieter von Web-Sites verlangen zu viel aktive Recherche vom Leser. Sie folgen dem Motto: “Es war schon schwer genug, ein Produkt zu entwickeln, nun soll es auch schwer sein, die Informationen zu finden.”

These 4: Die Außerirdischen sind unter uns. Sie heißen Dessins und kamen mit apfelförmigen Raumschiffen. Bei den Aliens handelt es sich um hochentwickelte Wesen: Sie wissen bereits alles und benötigen keine weiteren Informationen mehr. Sie haben das Web und Multimedia erfunden, da sie wegen einiger spezieller Vertreter unserer Spezies davon ausgegangen waren, die Menschen wüssten schon alles.

These 5: Alle Web-Designer und –Anbieter von multimedialen Monster-Sites haben Standleitungen oder ihr Server steht im nächsten Zimmer. Sie wissen nicht, wie es uns hier draußen geht. Uns, die wir uns zu dritt einen ISDN-Router ins Netz teilen. Genau wie ein Autobahnraser im BMW sich beim Lichthupen nicht vorstellen kann, wie es Menschen in einem zehn Jahre alten Passat-Diesel zu Mute ist. Genauso ahnen die Gestalter nicht, wie es einem Menschen mit 64K oder gar einem 28.8er Modem geht.

These 6: Der Mensch will gar keine Information mehr. Dank der Privatsender und ihrer endlos sinnentleerten Reportagen wissen wir jetzt alles: Wo man Sex auf Mallorca haben kann, wo man Sex auf Fuerteventura haben kann, wo man Sex auf Ibiza haben kann und warum zu viel Sex zu Langeweile führt und zwangsläufig mit einem Besuch im Swinger-Club endet.

Genug, Ihr multimedialen Webpanscher! Ich habe den gebündelten Kanal voll. Gebt Euch gefälligst endlich Mühe, Sites zu gestalten, bei denen die Information, das Wissen und der Nutzwert an erster Stelle stehen. Ich will nicht mehr warten, bis sich Shockwave geladen und Reel Audio konfiguriert hat. Werft Eure Animationen auf den Müll und seht endlich ein, dass das Netz nicht wegen Euch erfunden wurde.

Design darf allenfalls ein Vehikel sein, um Informationen zum Leser zu bringen. Mehr nicht. Alles andere ist hohl, ist selbstverliebtes Geplänkel mit Formen und Farben – und mit einem Medium, das viel zu schade ist für diese Art der Verschwendung.

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