Die Nikon kaufen oder nicht kaufen?

„Kaufzurückhaltung, verhaltener Konsum“ – Schlagworte wie diese prägen die Konjunktur. Drohen nach dem Boom der Digitalkameras auch der Foto-Branche gebremste Zeiten? Bestimmt, wenn sich alle so verhalten wie Computerfoto-Kolumnist Martin Goldmann.

(erschienen in Computerfoto 12/2004)

„Dann kauf’ sie Dir doch endlich“, ruft Franziska aus dem Wohnzimmer herüber. Sie ist ein wenig genervt. Denn seit einem Dreiviertel Jahr schleiche ich um eine neue Kamera herum und wäge ab: Brauche ich die Kamera wirklich? Spielt es eine Rolle, ob ich sie wirklich brauche oder will ich nur ein cooles neues Werkzeug? Was ist mit meiner alten Kamera?

Und was heißt überhaupt alt: Meine Nikon 5700 habe ich erst seit zwei Jahren. Eigentlich mag ich sie und ihre Macken. Sie ist ein wenig langsam – das haben wir beide gemeinsam. Aber sie ist treu, hat keine Macken und an die Bedienung habe ich mich auch gewöhnt. Sie liefert prima Bilder und paßt in jede größere Manteltasche.

Jedoch: die neue ist eine Spiegelreflex-Kamera hat ein Wechselobjektiv und ich kann mit ihr mehr als drei Bilder in Serie schießen. Und angeblich soll sie sogar gleich nach dem Anschalten bereit sein für die erste Aufnahme. Das wäre ein Traum. Endlich wieder spontan fotografieren ohne das sekundenlange Hochfahren, das unangenehm mich an die Boot-Dauer meines Windows-Computers erinnert.

Und so sitze ich vor dem Computer und sehe mir zum einhundertsten Mal die Kamera im Online-Shop an, fahnde nach neuen Testberichten und wäge Preis, Leistung und Features ab. Und natürlich ist meine Frau dabei treue Ratgeberin und Zuhörerin — besser gesagt: sie war es bis heute. Franziska kennt inzwischen jedes technische Detail der Kamera und kann aus dem Kopf ein Diagramm der stündlich neu ermittelten Preisentwicklung zeichnen. Sie ist bereit mit mir über alles zu reden, aber nicht über eine neue Kamera.

„Trotzdem“, sage ich. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“

„In diesen Zeiten, in denen man immer von ‚Zeiten wie diesen’ spricht und den Slogan ‚Geiz ist geil’ geil findet, kann man nicht so einfach spontan Geld ausgeben. Wie sähe das denn aus? Ist es in Zeiten wie diesen überhaupt politisch korrekt, für eine Kamera mehr als 1000 Euro hinzulegen?“

Franziska unterbricht mich in meinen Ausführungen. „Es wäre politisch korrekt, wenn Du mich damit nicht weiter nerven würdest. Wenn Du das Geld übrig hast, dann kauf’ sie Dir einfach.“

Das mit dem „Geld übrig“ ist so eine Sache. Ja. Geld für die Kamera wäre übrig. Allerdings

Die „Übrig“-Formel sieht so aus: Übrig = Übrig * 3. Die Mathematiker unter Ihnen werden erkennen: Das geht nicht.

Und sie haben recht. Dennoch rechnen viele – auch ich – nach dieser Formel. Ich will sie mal das Restgeld-Axiom nennen:

Gegeben sind 1000 Euro. Am ersten Tag denke ich „ui, prima, davon kann ich die Kamera kaufen“. Am zweiten Tag trifft mich die Rechnung meiner Auto-Werkstatt wie der Blitz — aber ich denke mir „kein Problem, ich habe ja 1000 Euro übrig“. Und ein paar Tage später, als es um das Buchen von Urlaub geht, müssen dieselben, übrigen 1000 Euro für ein paar Extra-Tage auf Madeira herhalten. Das macht drei mal 1000 Euro, sprich 3000 Euro. Die mathematische Wahrheit trifft mich dann mit dem nächsten Kontoauszug.

Also warte ich doch am besten noch ein wenig ab und spreche morgen noch einmal mit meiner Frau darüber, ob ich eine neue Kamera brauche.

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