Digital Lifestyle

Kennen Sie den Digital Lifestyle? Nein? Dann lernen Sie ihn heute kennen. Und Sie lernen Jan kennen, meinen Kumpel und Prediger des neuen, digitalen Lebensstils.

(erschienen als “Jans Lifestyle-Kamera” in Computerfoto 3/2004)

Neulich besucht mich mein Kumpel Jan. Jan, knapp 37 Jahre alt, war früher Webdesigner und hat nach Abflauen des Internet-Booms umgesattelt. Er ist jetzt Lebenskünstler und Prophet des digitalen Lebensstils. An seinem Gürtel hängt der iPod, auf seinem Schreibtisch steht der iMac, an seinem Ohr hat er das kleinste Handy, das man kaufen kann.

Jetzt hat Jan entdeckt, was ihm noch zum perfekten Lebensstil fehlt: natürlich eine Digitalkamera.

„Kauf’ Dir doch eine iDigicam,“ spöttele ich und begehe wieder den alten Fehler, Jan in eine Diskussion zu verwickeln und dabei seine Apple-Leidenschaft zu verspotten.

„Deine klobige Camera obscura ist echt unmöglich,“ beißt Jan zurück, lässt Bildung durchscheinen und winkt verächtlich zu meiner Nikon 5700. „Die passt in keine Hosentasche, in keine Handtasche und ist überhaupt nicht cool. Hat ja nicht mal einen Gürtelclip. Außerdem ist sie schwarz. Wie uncool.“

Ich stelle es mir recht vergnüglich vor, mit einer Nikon oder noch einer schwereren Spiegelreflexkamera am Gürtel durch die Weltgeschichte zu laufen. Das sähe ziemlich albern aus — wie ein Digitalkamera-Känguruh.

„Jan, ich will mit meiner Kamera nur Fotos machen“, möchte ich beschwichtigen.

Jan merkt, dass ich ein verbales Rückzugsgefecht beginne und setzt nach.

„Fotos machen kann doch jeder. Aber es kommt doch gar nicht auf die Bilder an, sondern darauf, wie die Kamera aussieht. Dein Fototrum schaut aus wie eine Dampflok. Wie willst Du jemanden damit beeindrucken?“

„Jan, ich bin verheiratet.“

„Schau mal.“

Jan wühlt in seiner Brusttasche und zieht eine mattgrau schimmernde Streichholzschachtel heraus.

„Das ist Lifestyle,“ triumphiert er und legt den Winzling auf seine Handfläche.

Das ist keine Streichholzschachtel. Es ist eine Kamera. Eine winzige Digitalkamera. Natürlich will ich mir dieses Kleinod sofort näher ansehen und greife danach.

Jan schließt seine Hand, die Kamera ist weg.

„Das ist nichts für Deine Wurstfinger,“ grinst mein persönlicher Lifestyle-Prophet und nimmt einen Kugelschreiber. Damit zeigt er auf einen winzigen Knopf auf der winzigen Oberfläche der Kamera. „Das da ist der Auslöser,“ erzählt er stolz.

„Und das Objektiv?“, frage ich.

„Da,“ Jan deutet auf eine Stecknadelkopf große Linse. „Sogar mit anderthalbfachem Zoom.“

Jan gibt mir die Kamera. Natürlich erwische ich sofort den Auslöser. Der 0,5 Zoll große LCD-Monitor auf der Rückseite zeigt nach 15 Sekunden ein beeindruckend winziges Portrait meiner Schuhe.

Jan grinst.

„So geht’s natürlich nicht,“ lächelt er und zieht ein Stück Plastik aus seinem Rucksack. Wenn Du damit fotografieren willst, brauchst Du einen Hand-Adapter. Das Plastikteil ist groß wie eine Zigarettenschachtel, hat einen deutlich sichtbaren Auslöser und ein paar andere Bedienelemente in vernünftiger Größe.

„Aber wer will damit schon fotografieren,“ schwätzt Jan weiter und packt das Gehäuse wieder weg. „So eine Traumkamera legt man auf den Tisch, so etwas zieht man hervor, so etwas…“

„…verschwindet sofort im Gully, wenn es herunterfällt.“, bremse ich ihn.

Jan ist ein wenig beleidigt. Seine Mission ist für heute gescheitert. Er wird mich nicht von seiner Ultraminikompakten Lifestyle-Kamera überzeugen. Im Gegenteil: Ich habe plötzlich Sehnsucht nach einer richtig schönen, schweren, analogen Mamiya.

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