Digitalkamera im Teleshopping

Sonntag Mittag: Das ist eine gefährliche Zeit zum Fernsehen. Denn früher oder später landet man in einem Shopping-Kanal und ist überzeugt, dass es diese eine, fantastische Digitalkamera sein muss. Computerfoto-Kolumnist Martin Goldmann hat das erlebt.

(erschienen als “Sonntag Nachmittag beim Teleshopping” Computerfoto 6/2004)

“Schatz?” Franziska windet mir zärtlich die Fernbedienung aus der Hand und versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen.

Es ist Sonntag Mittag. Sonntag Mittag genießen wir normalerweise den freien Tag. Wir gehen in die Sonne, kümmern uns um Pferde und Fahrräder, gehen fotografieren, Freunde besuchen. Aber wehe, die Sonne ist nicht da, das Pferd schon versorgt und die Freunde unterwegs. Dann erwartet uns die schlimmste aller Sonntags-Strafen: Teleshopping.

Auf allen Kanälen gähnt die TV-Langeweile. Irgendwann landet man zwangsläufig auf einem Kanal jenseits der 20. Das wissen die Shoppingmacher. Ich glaube, sie lassen Hypnosewellen über den Äther schwingen — oder sie benutzen den Äther selbst, um das Bewusstsein zu dämpfen und ihre schlichte Botschaft zu vermitteln:

“Es ist einfach fan-tas-tisch”.

Das finde ich auch. Seit zwanzig Minuten sitze ich vor dem Fernseher und bin überzeugt.

Ich muss mir einfach diese Kamera kaufen. Fünfkommafünf Megapixel hat sie, sagt der Kameramann im Fernsehen. Und weil sechs so toll ist, hält er einen glänzenden A4-Ausdruck in die Kamera. Das Bild ist fantastisch: ein grüner Stich auf weißer Wand und mitten im Bild ein grinsendes Kindergesicht. Das Foto wölbt sich ein wenig und wirft den Schein der Studiobeleuchtung zurück.

“Es ist fantastisch”, murmle ich.

Diese Kamera hat 5,5 Megapixel. Und was habe ich? Nur fünf. Und die sind nicht einmal interpoliert. Wie kann ich mich damit morgen noch auf die Straße wagen?

„Fantastisch,” murmle ich und greife zum Telefonhörer.

“Man braucht das schon”, sagt der Animator im Fernsehen und sein Co-Animator stimmt in das Kommerz-Mantra ein, „ja, sechs Megapixel, das braucht man schon”.

“Ja, das brauche ich!”, rufe ich und Franziska erschrickt. Schließlich war ich bis dahin zwanzig Minuten regungslos herumgesessen, mit flacher Atmung und kaum tastbaren Puls.

Franziska erkennt die gefährliche Situation sofort. Sie nimmt das Telefon an sich und gibt es nicht mehr her.

“Franziska”, bettele ich. “Bitte! Ich habe nur fünf Megapixel.”

“Du brauchst diese Kamera nicht.”

“Wie, ich brauche diese Kamera nicht, Du schleppst doch auch nach jedem Ikea-Besuch eine Packung Teelichter und zwei Zimmerpalmen an.”

“Die kosten aber keine 280 Euro.”, wirkt Franziska ruhig auf mich ein. „Und außerdem braucht man schon ein paar Teelichter.”

“Die haben aber keine interpolierten Bildpunkte und kein digitales Superzoom!”, triumphiere ich. “Und sieh’ Dir diesen Super-Öffnungsschieber an, mit dem ich die Kamera anschalte. Und die hat sogar einen kleinen Bildschirm auf der Rückseite, mit dem man die Bilder ansehen kann und sie hat deutschsprachige Menüs und “ – ich hole tief und lange Luft – “und sie hat 16 Megabyte eingebauten Speicher. Da muss man nichts extra nachkaufen.”

Franziska sieht, dass ich zittere, nimmt meine Hand und sagt. “Zähl doch einfach Deine beiden Kameras zusammen, dann hast Du neun Megapixel.”

Das sitzt — aber nur für einen Augenblick. „Schau Dir mal die Software dazu an”, bettele ich und deute auf den Bildschirm, „damit kann man die Bilder direkt in den PC einlesen und sogar die Helligkeit verändern.

Auf dem TV-Bildschirm klickt der Animator eine Software-Sensation nach der anderen hervor.

„Sieh nur, was die für tolle Bilder vom Studio-Hund gemacht haben. Dieser fantastisch, schwammige Gesamtausdruck, diese graugrünen, graublauen und graugelben Töne. Der Hund lächelt sogar, oder?”

Franziska erklärt mich für verrückt und sieht nur noch eine Chance. Sie zieht den Stecker des Fernsehers ab und hält mir ein paar Kamera-Prospekte unter die Nase. Ich sitze noch eine Weile benommen da, schüttele mich. „Nikon, Canon?” murmle ich und greife nach den Prospekten.

Franziska hat das Teleshopping-Problem gelöst. Allerdings mache ich mir jetzt intensiv Gedanken darüber, wie fantastisch wichtig für mich eine neue, digitale Spiegelreflexkamera ist.

Da wären wir mit dem TV-Shop-Angebot sicher billiger weg gekommen.

 

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