E-Mail an die richtige Adresse senden

Web hin, Ftp her. Mail ist die Nummer-1-Anwendung im Internet. Doch je populärer das Werkzeug E-Mail wird Hand bekommen, desto unfähiger werden Menschen, damit umzugehen.

erschienen als Mail an, Hirn aus (Internet Professionell 02/2000)

Die Idee für diese Kolumne ist schon alt. Sie entstand an jenem Tag, als ich zum ersten Mal ungefragt ein Manuskript zugeschickt bekam. In diesem Manuskript, so die Begleit-Mail, beschrieb eine Frau ihre Erfahrungen bei mehreren Spontanaborten. Ich möge den Text bitte vertraulich behandeln, so schrieb die Dame. Das tat ich. Ich habe den Text nie gelesen und in den Papierkorb weitergeleitet.

Ich frage mich: was treibt einen Menschen, E-Mail an eine unbekannte Adresse zu schicken? E-Mail mit einem derartigen Inhalt: persönlich, vertraulich, traurig, erschreckend. Der Grund war vermutlich eine Verwechslung. Sie dachte wohl bei meinem Nachnamen an einen Verlag – aber sie dachte keinen Millimeter weiter.

Eine große Überraschung erwartete mich vor ein paar Monaten. Da erhielt ich eine Reihe Besprechungsprotokolle aus dem Fernen Osten. Wohl für Mitarbeiter eines Technologie-Unternehmens gedacht, hatte hier ein Vertreter Kunden und Gespräche beurteilt.

Gestern kam die Bestell-Bestätigung eines Spielzeugversenders bei mir an. Ich hätte etwas bestellt. Die Adresse war wohl mal wieder eine Verwechslung. Ich wollte das klären – doch die Rücksendeadresse funktioniert nicht.

Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Mein Mail-Ordner für Irrläufer ist rappelvoll. Und langsam bin ich es leid, immer wieder höflich darauf hinzuweisen, dass ich weder der Verlag bin, noch ein Technologie-Konzern, noch der Reiner, noch der Hasi noch sonst wer. Aber offenbar ist den Leuten egal, an wen sie ihre Nachrichten schicken.

Egal, ob die Mails vielleicht vertrauliche Inhalte haben.

Freunden der digitalen Sicherheit rollt es ob dieses Leichtsinns die Zehennägel hoch. Was helfen raffinierte Verschlüsselungsmechanismen, wenn die Leute nicht einmal fähig sind, darauf zu achten, an wen Sie ihre Sachen schicken.

Der Mail-Irrsinn hat noch eine andere Ausprägung. Keine Woche vergeht ohne dass ich ein fettes Bild im BMP-Format erhalte. Kaum eine andere Woche vergeht ohne ein gigantisches Word-Dokument im Rich Text Format. Für mich bedeutet das: Warten – an schlechten Tagen lädt der Mail-Client zehn oder zwanzig Minuten lang Daten herunter und blockiert meinen Mail-Client und den Router – ganz abgesehen davon kostet dieser Download Geld. Da ist mir ehrlich gesagt mein tägliches Quantum Junkmail noch lieber. Die “Make-more-Money”-Bandbreitenpiraten halten sich zumindest in Sachen Dateigröße zurück.

Ein Grund für die neue Mail-Welle: Zu viele Agenturen oder Firmen haben interne Mailserver, die erst einmal die Nachricht entgegennehmen und dann ins Netz spoolen. Der Rechner des Absenders ist nach ein paar Sekunden schon wieder frei. Diese Entfremdung vom Übertragungsprozess ist schuld daran, dass immer mehr Datenmonster über das Netz gehen. Der Absender erkennt nicht die Notwendigkeit, ein Bild oder einen Text zu komprimieren. Mein Vorschlag: Man setze jeden Mitarbeiter, der dicke Mails versenden will an einen Arbeitsplatz mit 14.400er Modem. Dann lernt er es.

Dann haben wir noch die dritte Ausprägung der Mail-Mania: Ein junger Mensch entdeckt, dass er via Mail auch Bilder versenden kann und jagt ein Bitmap nach dem anderen an seine Freunde. Die finden das Bild vielleicht witzig und schicken es auch wieder weiter. Was als Bitmap-Schneeball beginnt landet bei einem armen Tropf als Byte-Lawine auf dem POP-Server. Er bekommt das Bild gleich fünfmal — wenn er viele Freunde hat.

Wer das Medium Mail verwenden will, sollte es zumindest grundlegend verstehen: Nicht jeder hat die Bandbreite, dicke Dinger in Sekunden zu empfangen. Und man möge sich doch überlegen, wohin eine Mail geht, bevor man vertrauliche Unterlagen an einen Unbekannten schickt.

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