Einen Hund fotografieren

Warum eigentlich trauen sich so wenige Fotografen, die Perspektive zu wechseln? Klar, sie fürchten den Hohn der Mitmenschen. Computerfoto-Kolumnist ist dieser Frage auf den Grund gegangen und hat den Boden der Tatsachen gefunden.

(erschienen in Computerfoto 2/2005)

Ich glaube, Nelson grinst ein wenig, als ich mich vor ihm hinlege, die Kamera in den Anschlag nehme und versuche, die richtige Perspektive und Entfernung zu finden. Warum er grinst? Nun, ich liege bäuchlings auf dem Boden. Und ich brauche beide Hände, um die Kamera zu halten. Also hebe ich den Oberkörper und gehe ordentlich ins Hohlkreuz. Wer einmal in der Krankengymnastik war, weiß, dass das eine interessante Übung für die Rückenmuskulatur ist. Und wer noch nicht in der Krankengymnastik war, wird nach dieser Übung dorthin müssen, weil er sich das Kreuz verrissen hat.

Offenbar sehe ich also aus wie eine kreuzlahme Robbe, die gerade nach einem Fisch schnappt. Nelson hat noch nie eine Robbe gesehen und guckt entsprechend belustigt drein. Warum all diese Verrenkungen?

Nelson ist ein Dalmatiner – zumindest zu 80 Prozent – und unser neues Haustier. Und wie es sich für ein Haustier geziemt, muss ich ihn ausreichend häufig fotografieren. So etwas ist dokumentarische Pflicht eines jeden Fotografen mit Haustier.

Natürlich muss das Foto etwas taugen. Ich habe keine Lust, das Hunderttausendste “Hier-sitzt-Fiffi-mit-dem-rote-Augen-Effekt-im-Körbchen”-Bild abzuliefern. Denn davon sind die Massenspeicher der Digitalbildner schon übervoll. Nein, jedes Bild braucht seine Perspektive. Und für ein Hundebild begibt man sich auf die Höhe des Hundes. Und wenn der Hund im Körbchen liegt, heißt das: in etwa Bodenhöhe.

“Platz”, lacht Franziska hinter mir – und ich weiß genau, dass Sie mich meint. „Prima,“ hämt sie, “wenn Du schon da unten liegst, kannst Du noch ein paar Hundehaare vom Boden fegen. Franziska hat – wie so oft – kein Verständnis für wahre Fotokunst. Ok, das Bild brauchen wir nur für unsere Festplatte und das Fotoalbum im Internet. Aber dennoch: Die Perspektive muss stimmen.

Um die richtige Perspektive kümmern sich viel zu wenige Fotografen. Immer noch wird viel zu viel auf Augenhöhe abgedrückt – egal, ob es Landschaft, Architektur oder Mensch ist. Entsprechend langweilig werden die Bilder.

Seit meinem Bauch-Gelage ist mir aber klar, warum so wenige Fotografen die Perspektive wechseln. Sie fürchten den Spott – nicht nur den der eigenen Ehefrau. Ein Fotograf, der mitten in der Fußgängerzone in die Knie geht oder auf eine Leite steigt, fällt auf und wird innerhalb weniger Sekunden den klassischen Passanten-Kommentar hören: “Na? Fotografieren wir ein wenig?”. Diese Frage mag ich besonders. Ich stelle mich doch auch nicht an die Ampel, klopfe an die Fahrerscheibe und frage “Na? Fahren wir ein wenig Auto?” oder halte einen Passanten auf “Na? Gehen wir ein wenig durch die Fußgängerzone?”. Nein, natürlich würde ich das nie tun.

Und weil ich Konflikte vermeiden möchte, die aus dieser Frage entstehen könnten, meide ich den Perspektivwechsel in der Öffentlichkeit. Und was kommt dabei heraus? Genau – langweiliges Bildmaterial.

Aber diesmal nicht. Diesmal bleibe ich stolz auf dem Boden liegen und robbe mich an unseren Hund heran. Und nächste Woche schnappe ich mir eine Trittleiter und gehe die Menschenmassen in der Fußgängerzone fotografieren. Es wird Zeit, dass ich mich zur Perspektive bekenne!

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