Fotografieren in der Nacht

Herbst und Winter haben lange Nächte. Klar, dass Computerfoto-Kolumnist Martin Goldmann diese Zeit nutzt und auch zur dunklen Stunde einmal auf Fotopirsch geht.

(erschienen als “Nachtgedanken des Digitalfotografen” in Computerfoto 4/2004)

„Die Nacht hat viele Gesichter“, „Nachts sind alle Katzen grau“, „Die Nacht ist noch jung“, „Nachts ist es kälter als draußen“. Über die Nacht gibt es Weisheiten aller Sorten. Aber nur eine zählt wirklich: Nachts fotografiert es sich ganz anders als am Tag. Denn alles ist anders – Menschen, Motive, Motivation.

In der Nacht muss man sich einigermaßen umgewöhnen. Zuerst: Es ist nachts grundsätzlich dunkel. Also muss der Fotograf eine lange Belichtungszeit wählen und er sollte in dieser Zeit besser nicht wackeln.

Das Bild hat dann doch funktioniert :)

Das ist ein prima Gedanke. Doch wie setze ich ihn um ohne Stativ? Ich stehe in dieser kühlen Nacht vor meinem ersten Motiv und versuche, einfach die Kamera hoch zu halten und abzudrücken. Das Ergebnis ist erschüttert: Die Bilder wirken sogar auf dem Winz-Display meiner Taschenkamera ausgesprochen verwackelt.

Lächerlicher Blitz

Richtig lächerlich wirkt mein zweiter Versuch, die Szenerie mit dem Blitz aufzuhellen. Die Nacht lacht sich kaputt über das bisschen Licht, das meine Taschen-Minolta ausfunzelt. Nur die Passanten schauen komisch, als sie aus der Stadt kommend an mir vorbei huschen: „Ein Gewitter? Um diese Jahreszeit? Oder blitzen die jetzt auch schon Fußgänger, wenn sie zu schnell gehen?“

Als Fotograf in der Nacht ist man einsam und kommt sich ziemlich albern vor. Ich wünsche mir eine große Kamera und einen richtigen Blitz – dann würde ich den Passanten schon zeigen, was „Leitzahl 80“ bedeutet.

Aber so ein Blitz passt nicht auf die Taschenkamera. Also sehe ich mich nach Alternativen um. Als ich die Kamera auf einen Mauervorsprung lege, lugen zwei Polizisten über die leicht heruntergelassenen Seitenscheiben ihres Streifenwagens. Offenbar sehe ich ihnen aber zu harmlos aus und sie beschließen, dass ich vielleicht nur eine Cola-Büchse loswerden möchte, statt kriminelles zu planen.

Die Polizisten wissen ja nicht, dass hier ein Künstler unterwegs ist, um auch ihre Heimatstadt digital zu verewigen. Ich verzeihe ihnen gönnerhaft und leise – schließlich gehört es nicht zu ihrem Job, Künstler in der Nacht zu erkennen.

An mir huscht noch ein Paar vorbei. Er betrachtet mich argwöhnisch. Ob er prominent ist und in mir einen Paparazzo vermutet? Oder ist er beleidigt, weil ich gar kein Klatschpresse-Fotograf bin und ihn nicht ablichte? Vielleicht sieht er mich auch gar nicht an? Vielleicht mache ich mir einfach ein paar Gedanken zu viel. In der Nacht sind doch alle Katzen grau.

Ich beschließe, ihn in Ruhe zu lassen, ihn nicht zu fotografieren und lege nochmals auf mein Motiv an. Die Kamera liegt gut auf dem Vorsprung. Die Richtung des Bildes kann ich nur erahnen. Macht nichts – das Motiv ist mir egal, Hauptsache, das Bild ist nicht verwackelt.

Da wackelt doch was.

Der Betrunkene, der mir da gerade freundlich entgegentorkelt, hat aber meine Kamera erkannt und fragt freundlich lallend, ob er denn auch mit auf dem Foto wäre. Ich verneine dies – und es macht dem Betrunkenen auch nichts. Morgen früh ist es ihm eh lieber, wenn es kein Beweisfoto seiner Zechtour gibt.

Genug unterbelichtet für heute Nacht. Ich packe meine Kamera ein und gehe nach Hause. Denn: die Nacht ist zum Schlafen da.

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