Schutzverletzung: Die Geschichte der Textbausteine (WIN 4/98)

Kaum eine Stehparty, auf der nicht Fragen gestellt werden wie „Wußtest Du, daß die Babylonier den Abakus erfunden haben?“ Eilig nickt WIN-Altertumsforscher Martin Goldmann und fragt zurück: „Wußtest Du, daß die Ägypter die Textbausteine erfunden haben?“

Der Computer ist verwurzelt in unserer Kulturgeschichte. Und diese Wurzeln reichen weiter zurück als man denken mag. Lange bevor sich der erste Sekretär leise fluchend an der Schreibmaschine die Finger wundtippte, erfand man bereits die Textbausteine.

Schauplatz dieses frühgeschichtlichen Geniestreichs: Das alte Ägypten. In Felsblöcke gehämmerte Hieroglyphen gelten als die ersten Textbausteine. Sie entstanden aus der Notwendigkeit, Texte leichter transportieren und umbauen zu können. Nur allzu gut erinnert man sich an die Problematik der Höhlenmenschen.

Sie hatten bei Schreibfehlern die Wahl, den falsch gezeichneten Mammut stehenzulassen oder die Höhle zu räumen und das Schreibglück in einer neuen Unterkunft zu versuchen. Meist wählten die Frühzeitmenschen den bequemen Weg, ließen den Mammut mit einem Stoßzahn stehen und stellen Archäologen und Paläobiologen vor schier unlösbare Rätsel.

Doch die Ägypter, noch inspiriert von der Erfindung des Biers, ersannen die Textfelsblöcke. Sie kamen hauptsächlich in Pyramiden und Palästen zum Einsatz. Noch etwas unhandlich, benötigte der Home-Office-Pharao rund vierzig wohlgenährte Sklaven, um Textblöcke zu verschieben. Drag & Drop endete nur allzuoft mit Schwerverletzten (noch heute erinnert der Begriff „Schutzverletzung“ an diese menschlichen Dramen).

Auch konnte die Gesamtperformance des Textfelsensystems nicht überzeugen. Lange Jahre wurde die Weiterentwicklung behindert. Denn die Steinbruchbesitzer am Oberlauf des Nil wollten ihre teure Hardware weiter an den Machthaber bringen und bevorzugten die platzraubenden Hieroglyphen als Standardschriftart. Mit dem Stein von Rosetta waren die agyptischen Icons allerdings am Ende ihres Verkleinerungspotentials.

Langsam kam mit neuen Schriften die wirkliche Miniaturisierung der Textbausteine. Feinere Verfahren und die ersten in Reinräumen gefertigten Basaltblöckchen ermöglichten eine bis dahin ungekannte Leistungsfähigkeit. Mit der Einführung dieser leichteren Steine kam erstmals die Maus zu ihrem Einsatz. Lediglich zwei bis drei gut dressierte Exemplare der kleinen Nager und ein paar geschickt ausgelegte Käsestückchen waren notwendig, um einen Textblock aus Basalt zu transportieren. Noch heute lehnt sich das Handling von Textpassagen an dieses Verfahren an: Nur mit Geschick, Geduld und der Maus verschiebt man Textblöcke richtig im Dokument. Lediglich der Käse wurde durch das Mousepad ersetzt.

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