Haben und Design: Schlechte Firmenseiten

Jan ist in Urlaub. Und Internet-Pro-Kolumnist Martin Goldmann muss sich mit dem Bordcomputer seines Golf und der Homepage der VW-Werkstatt herumschlagen. Dabei stellt sich heraus: Wer brauchbare Autos verkauft, muss noch lange keine brauchbare Homepage haben.

(erschienen in Internet Professionell 7/2002)

Man mag es eigentlich nicht glauben. Da haben wir seit bald einem Jahrzehnt ein Internet für jeden — und es gibt immer noch Dilettanten, die es nicht schaffen, eine vernünftige Unternehmens-Site auf die Beine zu stellen. Das frustrierende: Diese so genannten Designer bekommen auch noch Geld dafür.

Das frustriert mich im wahrsten Sinne des Wortes. Frustra – vergebens, wie schon das kleine Latinum weiß, vergebens war alle Müh’, die wir uns gemacht haben. All die Mühe, in langen Praxisartikeln zu erklären, dass

a) Tunnelseiten, Eingangsseiten, Titelseiten oder wie auch immer man die Einblendungen vor dem Laden der Homepage nennen mag, Blödsinn sind

b) man vielleicht auch seine Adresse und Telefonnummer gut auffindbar auf die Homepage packt.

Ich hatte geglaubt, alle hätten das verstanden. Und dann passiert dies: Der Bordcomputer meines Golf schreit “STOP!” und blinkt ganz kräftig dabei. Anhalten und die Anleitung lesen soll ich. Nach ein paar Sekunden verschwindet die Anzeige. Das ist eindeutig ein Fall für die Werkstatt. Also ab nach Hause, eben mal anrufen und einen Termin ausmachen.

Mein Telefonbuch habe ich längst irgendwo verlegt. Und um an die Nummer des Autohändlers zu kommen, gibt es ja nichts Einfacheres als:

a) die Internet-Adresse eingeben

b) die Telefonnummer zu finden und zu wählen

Bei Punkt b) habe ich ein Problem. Zuerst animiert sich eine schöne Tunnelseite herauf: Ein herzlich, gelbes Logo auf schwarzem Grund. Ich weiß, manche brauchen dieses Eingangsbild, um im Hintergrund weitere Bilder für später zu laden. Solche Taschenspielertricks kosten doch mehr Zeit, als das ehrliche Laden der Bilder wenn sie benötigt werden. Andere wollen einfach nur ein “gutes Gefühl” beim Kunden erzeugen. Wer so einen Mist erzählt, weiß nicht, wie sich Surfer wirklich fühlen, die nach Information suchen.

Ich pfeif’ auf’s Gefühl und klicke so oft wild auf die Seite, bis ich endlich den winzigen “Enter”-Schriftzzug unter dem Logo erwische. Endlich geht es weiter. Das Autohaus heißt mich willkommen und erwähnt mit keinem Wort, wo es zu erreichen ist.

Der erste Klick auf “Impressum” enttäuscht alle Hoffnungen — nur eine Nummer der Zentrale. Aber die will ich nicht, ich will die Werkstatt um die Ecke.

Zweiter Versuch: “Kontakt”. Da muss es klappen. Doch nein. Da habe ich nicht mit den Amateur-Designern gerechnet: Kontakt bringt natürlich nur ein E-Mail-Formular. Oder da “Wir über uns”. Das muss es doch sein! Wieder nichts. “Unsere Autohäuser”. Jetzt erscheint eine briefmarkengroße Fuzzelgrafik und nennt sich auch noch “Übersichtskarte”. Ich gebe fast auf.

Beim letzten, verzweifelten Klick erwische ich zufällig ein Bild, mit der Aufschrift “Volkswagen”. Und voilà: es zeigt sich eine Liste der Niederlassungen. Da ist auch meine Werkstatt mit einer Nummer.

Warum nur, warum können die Leute nicht einen kleinen Link auf ihre Homepage packen, unter dem sich alle Adressen und Telefonnummern finden? Warum muss man sich nach dem Zufallsprinzip durch die Homepage klicken, nur, um an eine Nummer zu kommen? Haben wir wirklich all die Jahre vergeblich geschrieben?

Es gibt da draußen einfach noch eine zu große Menge Ahnungsloser — sowohl auf Seiten der Kunden wie auch auf Seiten der Designer. Sie alle sitzen irgendwelchen multimedial, verklangbingzauberten Design-Theorien auf, flashen Macromedia-Schockwellen durch das Netz und haben doch nichts begriffen.

Noch ein Mal für alle: Das Internet ist ein Informationsmedium. Die Leser haben längst die Faszination verloren, sich einfach nur durch das Netz zu klicken. Bunte Bilderchen und selbstverliebte Farbkaskaden sind Out.

Jedem sei es freigestellt, sich auf seiner Homepage kreativ auszulassen. Nichts gegen Kunst im Netz. Aber kein Web-Designer darf die Firmenseite eines Autoherstellers für den eigenen Gestaltungs-Rausch missbrauchen. Denn schlechtes Web-Design ohne Navigationskonzept und Verstand ist Nötigung und Zeitdiebstahl.

Auch wenn es dem Web schlecht geht, und Web-Design immer billiger werden muss. Das Feld darf nicht jenen überlassen bleiben, die in den letzten Jahren nichts verstanden haben. Das Netz braucht weiter klare Köpfe und Designer, die etwas von Design verstehen.

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