Im Haus fotografieren

Drinnen ist’s am schönsten, wenn’s draußen graut. Doch was soll man im Winter drinnen fotografieren? Martin Goldmann hat eine tolle Idee. Er verwirklicht seine künstlerischen Ambitionen mit Kabelfotografie.

(erschienen als “Indoor-Fotografie” in Computerfoto 2/2004)

Der Winter. Er hat seine Schattenseiten. Vorbei ist’s mit dem Ausflug ins Grünen. Keine Blüte blüht, keine Sonne schlägt Schatten. Es regiert tristes Blaugrau, das nur gelegentlich von einem ebenso tristen Graublau abgelöst wird. Mit Schnee ist hier auch nicht viel los. Alle paar Jahre fällt einmal katastrophal viel. Dann ist’s wieder ruhig.

Der Winter, das ist die Zeit zur inneren Einkehr. Die Zeit, nach Hause zu kommen, zur Ruhe zu finden und alles etwas langsamer anzugehen.

Nicht für mich. Winter ist die Zeit für die Indoor-Fotografie. Kaum ein Tag, an dem ich nicht mit Kamera und Blitz bewaffnet in der Wohnung umherstreife und nach neuen Fotoobjekten suche. Kabel zum Beispiel. In der Abstellkammer habe ich jede Menge davon. 20 Jahre meiner persönlichen Computer-, Video- und Foto-Historie haben sich in einem Karton zu einem gigantischen Knäuel vereinigt.

Franziska weiß, was ihr droht, als ich mit dem Kabelkarton bewaffnet in das Wohnzimmer trampele. Ich schiebe ihre Arbeitsunterlagen vom Wohnzimmertisch und baue mein provisorisches Studio auf: Ein großes Blatt Tonpapier, mit Reißzwecken an eine Leiste geheftet und diese Leiste an die Wohnzimmerwand genagelt.

“Man muss Kabelgeschichte dokumentieren”, sage ich zu ihr, als ich den Hammer aus der Hand lege und fange an, einige Kabel aus dem Knäuel zu zerren.

“Wie wäre es, wenn Du etwas Essig und Öl an den Kabelsalat gibst und das Ganze in den Biomüll wirfst?”, schnappt Franziska zurück. Anscheinend gefällt es ihr nicht, dass ich den Wohnzimmertisch eingenommen habe und Sonntag-Nachmittags Leisten in die Wohnzimmerwand nagele.

Sie hat einfach keinen Draht zur Fotokunst und zum Kabel. Dabei sind diese Wunderwerke doch einmalig schön. “Findest Du nicht?”, frage ich Franziska und halte ihr ein altes Ethernet-Kabel vor die Nase. “So ein Netzwerkkabel mit maximalem Zoom und minimaler Tiefenschärfe…”

“…Salz und Pfeffer”, ergänzt Franziska und freut sich immer noch nicht über meine künstlerische Arbeit.

“Schatz, schau, das gibt so schöne Bilder. Hier an der Wand fehlt uns ohnehin noch etwas Hübsches, Technisches.” Ich deute auf die Wohnzimmerwand, die voll hängt mit Bildern von Blumen, Insekten, Fröschen, Vögeln, Pferden. Klare Sache: Hier fehlt etwas Nüchternes, Sachliches. Hier fehlt ein Kabel-Foto.

“Komm, hilf mir lieber aufbauen.” Franziska fügt sich ihrem Schicksal. Ihr Kalkül ist klar: Je früher ich mit den Kabeln fertig bin, desto eher hat sie wieder Ruhe.

Wir fangen an, die Kabel auf dem Tisch zu drapieren. Als erstes schwebt mir eine Komposition aus Netzwerkkabel und Videokabeln vor. Das symbolisiert das Zusammenwachsen verschiedener Welten, der Datentechnik und der Unterhaltung. Eine klare Kritik an der Spaßgesellschaft ist das und ein deutliches Statement zur Globalisierung. Denn was wäre Globalisierung ohne Kabelverbindungen. So viel Symbolik lässt mich leise jauchzen.

Franziska fehlt leider jeglicher Sinn für wahre Kunst und für meine Aussagen. Sie sieht die Videokabel nicht als Gesamtkunstwerk, sondern als Videokabel und klatscht sie auf den Tisch. All’ meine Belehrungen helfen nichts. “Schau”, versuche ich sie für wahre Kunst zu begeistern, “Kabel schaffen Bindungen, es gibt männliche und weibliche Stecker…”

“Ja! Und RJ45 kommt von der Venus, S-Video vom Mars”, rückt sie meine Darstellungen ins kulturakademische Abseits und schickt ein Lächeln hinterher, das mir noch genau fünf Minuten Zeit gibt, meinen Kram hier zusammenzupacken und mich anderweitig kreativ zu verwirklichen.

Vielleicht ist es doch besser, ich gehe mit meiner Kamera hinaus in die Winterlandschaft. Dort beschäftige mich mit den Nuancen des Graublaugrau eines Winternachmittags und kann in einer Stunde wieder in ein friedliches, harmonisches Zuhause zurückkehren. Denn der Winter ist die Zeit der Heimkehr — aber erst, wenn man vorher mal an der frischen Luft war.

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