Ich kann nicht zuschauen, wie lässig andere ihre Kameras halten

Ein bisschen Vorsicht schadet nie. Auch nicht bei einer Kamera. Allerdings ist Kolumnist Martin Goldmann nicht nur ein bisschen vorsichtig. Seine Kamera-Verlust-Angst geht so weit, dass er nicht zusehen kann, wie andere ihre Kameras halten.

Ich fürchte, manchmal gehe ich meiner Umgebung auf die Nerven. Ich neige zu übertriebener Vorsicht. Beim Rangieren meines Autos auf dem Hof schnalle ich mich an, ohne Helm wage ich mich nicht einmal in die Nähe eines Fahrrads. Und natürlich sichere ich meine Daten immer mindestens zweimal.

Gurt ums Handgelenk

Auch bei meinen Kameras bin ich vorsichtig. Da geht ohne Gurt nix. Nehme ich die Kamera aus der Tasche, wickele ich immer erst den Gurt ein paar Mal ums Handgelenk und fasse dann ans Gehäuse. Danach kommt der Gurt gleich um den Hals. Natürlich wickele ich die Hand vorher aus – sonst wird’s schwierig mit weiteren Bewegungen.

Solch umständliche Umsicht macht den Foto-Alltag schwierig, etwa bei einem Objektivwechsel. Das Tele steckt in einer Umhängetasche, die Kamera hängt um den Hals. Nun also das Normalobjektiv abdrehen, dabei die Kamera und das Objektiv gut halten. Dann das neue Objektiv herausnehmen, dessen Schutzdeckel abdrehen und auf das Normalobjektiv schrauben. Das dann sicher verstauen und möglichst flott das Tele montieren, damit kein Staub auf den Spiegel kommt. Für solche Umbauaktionen habe ich eindeutig zu wenig Hände. Und der Mangel an Koordination hilft auch nicht gerade bei der Angstbekämpfung.

Teure Kameras, teure Objektive

Mit so einer Kamera-Verlust-Angst, in der Fachsprache “Camera-Trash-Anxiety-Syndrome”, lebt es sich nicht immer leicht. Neulich sitze ich bei einer Presseveranstaltung in München. Da sind auch Profifotografen unterwegs – die mit den weißen Objektiven. Objektiven, denen man ansieht, dass es sie nicht im Teleshopping gibt und dass sie den Gegenwert eines Kleinwagens kosten – inklusive Garage.

Keiner der Profis hat seine Kamera gesichert. Weder hängt das Band um den Hals, noch ist es um die Hand gewickelt. Ich kann der Pressekonferenz kaum folgen, als die Kamera-Könner aus allen Lagen blitzen und dabei ihre Apparate lässig in der Rechten halten. Fast schon möchte ich aufspringen. Aber ich habe Angst, dass bei meinem Sicherungsangriff erstens tatsächlich die Kamera herunterpurzelt und dass es zweitens den Fotografen gar nicht so recht ist, wenn ich ihnen vor 150 Kollegen sanft und mit einem väterlich-vorwurfswollen “ts, ts” den Kameragurt um den Hals lege.

Klar, diese Profis verstehen ihr Geschäft, und ihnen ist sicher noch nie eine Kamera herunter gefallen. Aber könnte der eine Kollege da nicht seine Kamera zumindest mit zwei Händen halten? Vielleicht mag er gar nicht. Vielleicht ist er so mit seiner Kamera verwachsen, dass sie nicht herunter fallen kann. Oder vielleicht ist er einfach nur gut versichert.

Vielleicht bin ich tatsächlich zu ängstlich. Ich sollte mit meinem Kameratherapeuten sprechen und ein paar Übungen machen. Zunächst einmal nehme ich die Kamera einfach nur vom Tisch auf und lege sie wieder hin. Natürlich probiere ich es erst einmal mit der kleinen Kompakten und lege ein Kissen darunter.

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