Landschaft fotografieren

Landschaft ist etwas Schönes. Und das Beste: Es gibt ziemlich viel davon. Doch Landschaft zu fotografieren ist nicht so einfach. Martin Goldmann erfuhr Landschaftsfotografie mit seinem Fahrrad und entdeckte die Welt der Hochspannungsmasten.

(erschienen als Mastskandal in Franken in Computerfoto 8/2003)

Das Leben wird erst richtig schön im Frühling und im Frühsommer. Alles blüht, die Sonne scheint und der Lenz zieht mich mit sanfter Gewalt hinaus in die Natur. Landschaften ohne Ende warten darauf, fotografiert zu werden. Sie erstrecken sich durch das Hinterland meiner Heimatstadt – und wir haben hier verdammt viel Hinterland.

Also schwinge ich mich auf mein Fahrrad, packe die kompakte Minolta ein und radle hinaus in die Welt. Die Bäume blühen, die Rapsfelder blühen (und müffeln ein wenig), die Sonne taucht die Erde in gleißendes Licht. Und als ich weit genug aus der Stadt raus bin, hebe ich zum ersten Mal die Kamera.

Ich fotografiere Landschaft. Das entspannt, das ist schön. Aber irgendetwas stimmt nicht. Und nach den ersten Versuchen stellt sich folgende Erkenntnis ein:

Die Landschaft an sich hat ein paar Nachteile.

Erstens: Ich kann nicht warten, bis eine Landschaft vorbei kommt und abdrücken. Der Fotograf muss hier zum Hügel kommen.

Mastskandal in Franken

Zweitens: Landschaften sind recht umfangreich. Während ich bei Blumen oder Insekten nicht weit gehen muss, um ein neues Fotobjekt zu finden, sind es von einer zur anderen Landschaft durchaus ein paar hundert Meter. Sprich, ich sitze den halben Tag im Sattel, fahre durch die Gegend, bleibe stehen, knipse, fahre wieder los, überhole andere Radfahrer, bleibe stehen, knipse, fahre wieder los, überhole die Radfahrer noch mal… Irgendwann halten die mich für verrückt.

Drittens: Einer Landschaft kann ich nicht sagen “Ok, Schätzchen, rückt mal ein wenig zusammen – prima – und der Wald da, he, Wald! Nicht so griesgrämig die Äste hängen lassen, ein bisschen mehr Power zeigen. … Oh Du meine Güte, Maske – Maske! Pudert mal den kleinen Weiher da ab, das glänzt.”

Viertens: Das Licht. Die Sonne ausknipsen? Schwierig, außerdem würde man mir das übel nehmen. Strahler aufstellen? Passen nicht aufs Fahrrad. Blitzen? Lächerlich. Also muss man nehmen, was man bekommt und sich richtig hinstellen. Übrigens: Der Tipp, früh morgends Landschaften zu fotografieren führt bestimmt zu dunstfreien, stimmungsvollen, weich belichteten Landschaftsaufnahmen. Aber morgends um fünf träume ich noch vom perfekten Foto. Das Hobby soll ja Spaß machen.

Das größte Problem jedoch sind Masten — Hochspannungsmasten, Strommasten, Telefonmasten, Laternenmasten – ein Mastskandal! Wo immer sich seicht Felder über Hügel schmiegen, die Farben pastellieren, das Licht streut. Wo immer es perfekt aussieht, stehen garantiert diese dämlichen Masten herum und strecken ihre Drähte durch den Himmel und über Wiesen.

Das Gehirn des “Hach-ist-das-schön”-Naturguckers blendet solche Landschaftsschmach einfach unbewusst aus. Mir geht das genauso. Doch zu Hause auf dem Monitor schlägt einem die Stromleitung geradezu ins Gesicht. Sie zerschneidet das Bild, murkst die Komposition ab (sofern eine da ist) und zwingt zu mühsamer Retuschearbeit.

Ich war an jenem Frühlingstag über vier Stunden im Hinterland unterwegs und habe kein vernünftiges Mast-freies Foto erwischt. Irgendwo lugt immer so ein Ding herein oder ein Draht lungert in der Luft herum.

Mir reicht’s. Ich sattele um. Pfeif auf die Landschaftsbilder. Ich fotografiere jetzt Masten. Bald habe ich eine ansehnliche Sammlung beieinander und muss dafür nicht mal weit fahren. Und morgen geht’s ins Umspannwerk. Da sieht man wenigstens keine störende Landschaft zwischen den Leitungen.

 

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