Bevorzugt Google lange Texte? Und was ist mit der journalistischen Qualität?

„Google bevorzugt gut geschriebene Texte. Schreibe immer schön journalistisch und Du liegst in den Suchergebnissen vorne.“ Das ist mein Credo. Nur: journalistische Texte können auch ganz kurz sein. Google jedoch scheint die Länge, besser noch die Ausführlichkeit eines Textes als Kriterium zu sehen. Die Suchmaschine ist noch weit davon entfernt, wirklich schnellen, guten journalistischen Inhalt zu erkennen. Warum ich das so empfinde, erkläre ich in diesem Beitrag.

Update

Nach dem guten und berechtigten Kommentar von Valentin habe ich den Text noch einmal überarbeitet um herauszustellen, dass es nicht um den Vergleich der Rankings von Tippscout und Chefkoch geht, sondern um die generelle Frage, ob ausführliche Texte besser funktionieren, als kurze, spezielle Beiträge.

Wie ist der aktuelle Stand?

Suchmaschinenoptimierer empfehlen, längere Texte zu schreiben. Die Meinungen gehen auseinander – doch das Minimum der Angaben liegt bei 300 Wörtern. Das sind – über den Daumen gepeilt – 1.500 Zeichen. Doch in der Realität liegen die Wortzahlen der gut rankenden Texte oftmals höher.

Sehen wir uns zwei Texte aus der Sparte „Nutzwert“ an. Zum Thema „Eier kochen“ liegen Chefkoch.de und Tippscout auf den ersten beiden Plätzen. Mit unserem Ranking bin ich ganz zufrieden. Als Generalist gegenüber einer auf das Kochen spezialisierte Seite stehen wir ganz gut da.

Der Beitrag von Chefkoch ist auch gut geschrieben, bezieht sich aber nicht allein auf das Kochen von Eiern, sondern ist ein ausführlicher Grundlagenartikel. Er erklärt alles, was es rund um Eier zu wissen gibt: warum Eier gesund sind, was man unter den Kennzeichnungen versteht, welche Gewichtsklassen es gibt, wie man Eier lagert, woran man erkennt dass sie frisch sind und irgendwann im Text auch wie man sie kocht. Nicht falsch verstehen: das ist ein wirklich guter Artikel, wenn man nach einem Grundlagentext zum Thema Eier sucht. Allerdings ist die Lektüre mühsam für alle, die schnell wissen wollen, wie man ein Ei kocht. Die Länge des Beitrages: Rund 18.000 Zeichen bei etwa 2.800 Wörtern. Zum Vergleich: in einem Print-Magazin wären das etwa vier Heftseiten.

Fundstellen zum Eier kochen

Unser Text auf Tippscout.de geht einen anderen Weg. Der Beitrag erzählt in der Hauptsache vom Eier kochen, weiteres Grundwissen ist in verlinkten Artikeln ausgelagert. Wir landen bei etwa 5.600 Zeichen mit 900 Wörtern. Das sind, übertragen auf Print etwa 1 1/4 Seiten.

Weder Chefkoch noch Tippscout liefern die Texte in optimaler journalistischer Qualität. Warum? Chefkoch liefert 90% Informationen, die für das Kochen von Eiern nicht relevant sind. Auch wir liefern viel Text um das Thema drumherum. In beiden Fällen müssen die Leser zu lange suchen, um zu ihrer Information zu kommen.

Denn eigentlich braucht ein Text zum “Eier kochen” nur 500 bis 800 Zeichen, um alles zu erzählen: „Weiche Eier kochen 3 Minuten, wachsweiche 5 und harte 8 Minuten.“ Dann kurz beschreiben, wie das kochen funktioniert. Rausnehmen, abschrecken. Fertig.  Das wäre journalistisch: Nicht die Zeit der Leser verschwenden, sondern schnell und genau informieren. Nach 20 Sekunden wissen die Leser Bescheid und verlassen die Seite wieder.

Long form Content

In einem (ziemlich langen) Blogpost beschreibt Garrett Moon seine Eindrücke zum Thema “long form content”. Das Thema geistert also schon länger durch die Content-Szene.

Seinen Erfahrungen nach gibt es durchaus eine Korrelation zwischen der Länge des Inhalts und den Suchergebnissen. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Moon weist auch darauf hin, dass der Content gehaltvoll sein darf und warnt vor Text-Zombies. Auch das unterschreibe ich. Substanz steht an erster Stelle – und wer lange Texte schreibt muss darauf achten, dass die auch Substanz haben. Sonst hilft die ganze Ausführlichkeit nichts.

Der Ruf des Suchmaschinenoptimierers

„MOMENT!“, ruft der SEO. „20 Sekunden? Das ist fatal!“ Denn die Verweildauer bei einem Artikel sieht Google als Kriterium für die Qualität. Wenn sich Leser lange mit einem Text aufhalten, muss der doch gut sein, oder?

Nach derzeitigen Maßstäben müssen Texte lang sein und ein Thema ausführlich erklären. Lange, erschöpfende Texte statt einer schnellen, kurzen Information. Chefkoch macht das bravourös. Als kompetente Kochseite liefert Chefkoch den ausführlichsten Artikel zum Thema Eier. Google schätzt den Artikel so gut ein, dass er auch beim „Eier kochen“ einen ersten Rang bekommt – selbst wenn das Suchthema nur ein Teil des Artikels ist. Da spielt wohl auch eine Rolle, dass Chefkoch monothematisch das Thema Kochen behandelt.

Der Tippscout schlägt sich auch nicht schlecht: Unser Eier Kochtipp ist lang und ausführlich genug, um als relevant zu gelten: Platz 2. Für einen Generalisten ganz gut. (Übrigens bei der Suche nach der Einzahl “Ei kochen” ist Tippscout aktuell auf #1 und Chefkoch auf #2).

So sehr ich den Erfolg unseres eigenen Textes und die Leistung bei Chefkoch schätze: optimal unter journalistischen Gesichtspunkten ist keiner von beiden Artikeln. Beide zwingen die Leser, nach ihrer Suche bei Google noch einmal auf der Zielseite zu suchen. Eigentlich Unsinn. Aber das bringt Verweildauer. Und hohe Verweildauer hilft dem Ranking.

Worauf ich hinaus will:

Kann eine Seite wirklich so stark sein, dass sie mit einem thematisch breit gestreuten Artikel “Alles über Eier” eine spezielle Anfrage wie “Eier kochen” als Platz 1 trifft? Spricht das nicht dafür, möglichst allumfassende, ausführliche Artikel zu schreiben, bei denen vielleicht 10 Prozent des Beitrages auf eine spezielle Anfrage zutreffen? Denn im Fall der Eier (und auch bei anderen Lebensmittelthemen) scheint das zu funktionieren.

Was können wir tun?

So lange Google die Verweildauer als Ranking-Signal nutzt, so lange wird es ausführliche, lange Artikel geben. „Nicht auf den Punkt kommen“ wird belohnt. Klar, erkennt Google „dünnen Content“, also halbseidenes, unausgegorenes Geschwafel ohne Fakten. Aber es erkennt nicht, wenn ein Artikel mit 90 Prozent der Fakten einfach an der Frage des Lesers vorbei schießt.

Also gibt es weiter die langen Riemen. Doch wie können wir die benutzbar, sprich, lesbar machen? Zwei Vorschläge habe ich:

Zwischenüberschriften

Zwischenüberschriften helfen den Lesern, sich beim Scrollen und Überfliegen des Textes schnell zu orientieren. Wir nutzen bei längeren Texten zwei Ebenen von Zwischenüberschriften (h2 und h3). Das gliedert den Text und hilft beim orientieren. Wichtig ist, dass die ZÜ etwas über den Text aussagt, der unter der Headline steht. Metaphern oder andere schöne Ideen sollten zugunsten klarer Information zurück stehen.

Inhaltsverzeichnisse

Inhaltsverzeichnis eines Textes

Inhaltsverzeichnisse für einen Artikel? Klar, warum nicht. Am Anfang eines langen Beitrages zeigen wir eine Liste von internen Links. Jeder davon verweist auf eine Zwischenüberschrift im selben Beitrag. Ein Klick auf einen Eintrag bringt den Leser dann direkt zum Absatz im Artikel. Suchen unnötig. Und wer möchte, kann trotzdem durch den kompletten Beitrag schmökern.

Mit Zwischenüberschriften und Inhaltsverzeichnissen helfen wir Lesern, sich auch in langen Texten schnell zurecht zu finden. Auf der anderen Seite sichern langen, gehaltvolle Texte das Ranking bei Google. Im Augenblick scheint das für mich der ideale Weg.

..bis Google wieder seine Parameter ändert.

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