Linux zu Lötzinn (PC DIREKT 4/2000)

Vor ein paar Jahren erzählte mir ein Modelleisenbahner, wie ihm beim Verlöten der Drähte Lötzinn ins Auge tropfte. Seltsam genug, glänzten seine Augen freudig bei dieser Erzählung. Meinem Freund Markus zerbarst eine Fräsmaschine und spickte sein Gesicht mit kleinen Eisenspänen. Er trug eine Schutzbrille, und so glänzten immerhin auch seine Augen noch.

Warum quälen sich Menschen mit Lötzinn oder Fräsmaschinen und freuen sich auch noch darüber? Das ist für normale Computer-Menschen kaum zu verstehen. Besser gesagt: war kaum zu verstehen. Denn jetzt gibt es ein Betriebssystem namens Linux. Da kleckert zwar kein Lötzinn, doch wer von Hand schon einmal ein Linux, ein X-Window-System und eine ISDN-Karte zum Laufen gebracht hat, weiß, was “Masochismus” bedeutet.

Linux ist irrsinnig, wenn es um die Installation geht. Das fängt schon bei der Auswahl der Distribution an. Tausendeinhundert Linuxe: Redhat 6.1, Suse 6.3, Red Linux V8, Caldera Open Linux 2.3, Corel Linux 1.0, Easy Linux 1.2 – man kommt sich vor wie an der Wursttheke: “Na gut, dann geben Sie mit viermal Redhat und zweimal Suse, ach, und dann hätte ich gerne noch ein Viertelpfund Debian-Gehacktes.”

Es geht weiter bei der Installation. Nur wer ganz genau weiß, was er will, kann sich in dem Gewirr zurechtfinden. Keine Installation gleicht der anderen, die Dokumentationen sind eine Frechheit, die Resultate immer wieder erfrischend anders.

Wenn die Kiste schließlich läuft, heißt das noch lange nicht, dass alles funktioniert. Dann beginnt der X-Server Blues. Weh dem, der eine moderne Grafikkarte hat, die nicht genau in das Installationsschema passt.

Klar funktioniert alles irgendwie – aber manchmal nur wenn man krude Codes eingibt und mit beiden Händen in den Gedärmen von Linux wühlt. Da setzt es aus: Einerseits wird Linux auf einigen Packungen frech als “Einsteigersystem” und “benutzerfreundlich” angepriesen, andererseits verlangt man solche Verrenkungen vom Benutzer. Klar ist Linux billiger – aber mit Preisen bis 100 Mark für eine ordentliche Distribution auch nicht umsonst. Ist da der Mehrpreis für ein Windows nicht gut angelegt, wenn man bedenkt, wie viel Nerven man spart.

Zumal die Mär vom schnelleren Betriebssystem auch noch einen kleinen Haken hat. Keine Frage: Linux ist schneller als Windows. Doch Linux plus KDE plus Office-Paket ist auch nicht flotter als Windows plus Office-Paket.

Machen wir uns nix vor: Linux ist ein Klasse-System mit traumhaft hohem Potenzial. Ein hervorragendes Server-System und eine Spielwiese für Techno-Freunde. Ich mag es wirklich gerne – sonst hätte ich es nicht schon 150mal installiert und ihm wichtige Aufgaben im Intranet anvertraut. Aber dieses System als geeignet für Einsteiger zu verkaufen ist schlicht Etikettenschwindel.

 

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