Mitte der 90er ging es um die Vorherrschaft auf dem Browsermarkt. Die Kontrahenten: Microsoft und Netscape. Einer hat überlebt!

Lange rangen Netscape und Microsoft mit immer neuen technischen Raffinessen um die Gunst der Internet-Kunden. Jetzt verlagert sich der Streit. Statt mit neuen Features kommen die Konkurrenten mit gegenseitigen Vorwürfen.

Noch ein Ausflug in die Computer-Historie zeigt dieser Beitrag, der im November 1996 in der WIN erschienen ist.

“Das ist ein absichtlicher Ausschluß,” zitierte das US-Computer-Magazin PC-Week am 14. August den Microsoft Senior Vice President Brad Silverberg. Silverberg beschwerte sich über eine Routine auf der Netscape-Homepage. Diese überprüfte, ob ein User mit dem Internet Explorer von Microsoft zugreifen wollte und behinderte den Abruf der Seiten. Netscape-Marketing-Leiter Mike Homer wies diesen Vorwurf zurück. Die letzte Beta-Version des Internet-Explorer hätte einen Fehler in der Javascript-Implementation gehabt. Die Routine sollte diesen Bug umgehen, damit Explorer-User wenigstens den Seiteninhalt betrachten konnten. “Es wäre dumm von uns, Explorer-User von unserer Homepage auszuschließen,” so Homer weiter, “wir haben keinen Grund dazu.”

Die Auseinandersetzung zwischen Microsoft und Netscape werden immer heftiger. Geplänkel wie diese sind symptomatisch für das gespannte Verhältnis zwischen beiden Unternehmen.

Technisches Patt

Bis zu den 3er-Versionen der Web-Browser von Netscape und Microsoft zeigte sich die Rivalität vor allem im technischen Bereich. Mit unglaublicher Dynamik entwickelten und entwickeln Microsoft und Netscape ihre WWW-Browser. Im Halbjahresrhythmus erscheinen neue Versionen des Microsoft Internet Explorer und des Netscape Navigator. Und die Entwicklungszyklen werden so kurz bleiben: “Wir sehen für Browser einen Entwicklungszyklus von vier bis sechs Monaten, für Server von sechs bis acht Monaten,” so Netscape-CEO Jim Barksdale.

Andere Unternehmen mit Online-Ambitionen sind im Browser-Markt längst aus dem Rennen. Sie können oder wollen es sich nicht leisten, mit einem derartigen Entwicklungsaufwand in ein Marktsegment zu drängen, das von Gratis-Browsern geprägt ist.

Technologisch hat Microsoft seinen Entwicklungsrückstand aufgeholt. Microsoft implementierte Frame-Technologie, Java und Javascript und setze mit Active X erstmals eigene Akzente. Netscape reagiert darauf und bezieht Active X in seine Planung mit ein. Damit entfernt sich Netscape allerdings von dem Anspruch, für alle Betriebssystem-Plattformen die gleiche Technologie zu bieten. Denn Active X ist zur Zeit nur für Windows-Systeme zu haben. Netscape-Verantwortliche begründen die Entscheidung mit den Wünschen ihrer Kunden: Viele User hätten speziell konfektionierten OLE-Code und den könnten sie nicht einfach wegwerfen, begründet Jeff Treuhaft von Netscape den Stimmungsumschwung. Denn noch wenige Wochen zuvor sprach sich Netscape gegen Active X aus.

Hinsichtlich der Browser herrscht also ein Patt. Offenbar haben Microsoft und Netscape erkannt, daß immer neue proprietäre Standards die Fortentwicklung im Web eher behindern als voranbringen. Nun müssen neue Felder für Auseinandersetzungen gesucht werden. Und wie häufig in den USA, spielen Gerichte und Justizbehörden eine zentrale Rolle.

Die nächste Runde

Windows NT 4.0 läutet im Kampf um Marktanteile eine neue Runde ein. Nun wurden nicht mehr nur die Browser verschenkt. Die Server-Version des Microsoft-Betriebssystems enthält einen vollständigen Internet-Server. Und eine Suchmaschine gibt es als Dreingabe — abholbereit auf der Microsoft-Homepage. Doch daran stört sich bislang niemand. Vielmehr reibt sich die Konkurrenz an Lizenzklauseln, die angeblich den Betrieb von Web-Servern auf NT-Workstation verhindern würden.

Timothy F. O’Reilly von O’Reilly and Associates wandte sich am 16. August mit einem schweren Vorwurf an das amerikanische Justizministerium: Microsoft behindere durch seine Lizenzvereinbarungen den Einsatz von Server-Software anderer Hersteller auf Windows NT Workstation. Diese Lizenzbestimmungen würden den Betrieb von Konkurrenz-Software auf diesen Plattformen gleichsam für illegal erklären. O’Reilly and Associates, Hersteller von Internet-Servern für Windows-Plattformen stört sich auch an Microsofts Behauptung, NT Workstation wäre nicht für den Einsatz als Web-Server geeignet. Microsoft wolle mit den Lizenzvereinbarungen und dieser Aussage Kunden nur dazu bringen, das hauseigene Windows NT Server zu kaufen. Im täglichen Einsatz als Web-Server, so O’Reilly würden sich zwischen NT Server und NT Workstation kaum Unterschiede zeigen. Schon Mitte Juli hätte Microsoft versucht, durch eine Limitierung der gleichzeitigen TCP/IP-Verbindungen den Einsatz von Server-Software auf NT Workstation zu verhindern. Nach Protesten sei dieser Plan allerdings aufgegeben worden.

Netscape machte Mitte August das US-Justizministerium auf angeblich unlauteres Verhalten von Microsoft aufmerksam. Dabei ging es um die Auslieferung des Internet Explorer mit jeder Version eines Windows-Betriebssystems. Netscape behauptete, Microsoft würde allen Händlern drei Dollar mehr pro Windows-95-Lizenz berechnen, wenn sie auf dem Desktop das Netscape-Icon plazieren würden. Netscape warf Microsoft weiter vor, sie hätten versucht Internet Service Provider aus ihren Verträgen mit Netscape herauszukaufen. Außerdem gäbe Microsoft nicht alle APIs in Windows NT Server frei, so daß Web-Server von Drittanbietern einen Performance-Nachteil hätten. Netscape hätte die Windows-NT-Version seines Web-Servers bis Juni 96 nicht fertigstellen können, weil sie keinen Zugriff auf die zwei neuen Server APIs gehabt hätten. Für direkte Vergleiche zum NT-Internet-Server hätte daher nur die alte Netscape-Server-Version zur Verfügung gestanden — dies sei ein Nachteil gewesen.

Das Department of Justice nahm am 19. September die Ermittlungen gegen Microsoft auf. Im Mittelpunkt steht der Bundling-Vorwurf. William H. Neukom, Senior Vice President for Law and Corporate Affairs bei Microsoft vermutet dahinter die Konkurrenz. “Der Internet Explorer wird durchgehend besser als seine Konkurrenz bewertet und gewinnt immer mehr Unterstütung durch die Kunden.” Um die von der technologischen Qualität abzulenken, hätte die Konkurrenz eine bodenlose PR-Kampagne losgetreten. Microsoft werde, so Neukom, mit dem Department of Justice zusammenarbeiten.

Warum gibt es Browser gratis?

Mit ihren Browsern verdienen Microsoft und Netscape kein Geld. Überall gibt es die aktuellen Versionen gratis zum Download. Längst haben sich die Browser zu vollständigen Internet-Werkzeugen entwickelt: Mail-Clients und Newsreader ergänzen die Produkte, selbst Gopher-Dienste und ftp-Services sind in den Browsern integriert.

Soviel Großzügigkeit mag verwundern. Doch es geht Microsoft und Netscape nicht um den Verkauf von Browsern. Es geht darum, potentielle Kunden für die Server-Software und weitere Internet-Programme zu gewinnen. Vor allem den Intranet-Markt haben die Unternehmen im Visier. Geht es nach dem Willen der Marketing-Manager, soll jedes Unternehmen, egal ob die Drei-Mann-Minifirma oder große internationale Konzerne Intranet-Server einsetzen.

“Get out and get known”, hinausgehen und bekanntwerden, ist ein Kernsatz der Netscape-Firmenstrategie. Die millionenfache Verbreitung zeigt, daß dieses Vorgehen greift — Netscape spricht von 40 Millionen Navigator-Installationen. Nun gilt es, diesen Marktvorteil gewinnbringend umzusetzen. Netscape muß Server an den Kunden bringen. Hier zeigten sich Defizite: Netscape verfügt noch nicht über die Distributionskanäle, die sich Microsoft in den letzten Jahren aufbauen konnte. Microsoft kann sich auf seine Marktmacht verlassen. Mit jedem Windows-Paket, egal ob Windows 95 oder Windows NT geht ein WWW-Browser an den Käufer.

Lesen Sie hier weiter: Windows 2003 Server