Mit Aktien handeln im Internet-Boom

Das waren noch Zeiten: Der Internet-Hype brummte und jeder suchte sein Glück an der Börse. Dieser Artikel aus dem Oktober 1999 beleuchtet das Denken und Handeln der Freizeit-Börsianer. Erschienen ist er in Internet Professionell.

Im Internet herrscht Aktienhysterie. Nicht nur der Handel mit Netzwerten blüht. Auch das Geschehen spielt sich zunehmend im Netz ab: Internet-Broker handeln im Internet vor allem Internet- und Hightech Aktien. Jeder Web-Surfer wird zum hektischen Intraday-Trader.

Es sind die feuchten Hände, die den Intraday-Hobbyisten verraten. Jene feuchten Hände, die jeder bekommt, wenn er zwischen Kaffee und Telefonat für 40.000 Euro Nokia-Aktien kauft und am selben Tag wieder abstößt. Und die Hände bleiben feucht, ob der Kurs nun um einen halben Euro steigt oder um 10 Cent fällt.

Mit Internet und Online-Banking kam die Intraday-Sucht. Das schnelle Geld an der Börse. Kasse machen genau in dem Augenblick, da der Kurs das Top erreicht, noch bevor n-tv den Kurssprung meldet.

Online-Brokerage hat eine eigene Aktien-Subkultur geschaffen. Sie kommt fast ohne Printmedien und ohne Fernsehen aus. Die Internet-Aktien werden im Internet gehandelt. Die News und Kurse finden ihren Weg via Internet zu den Brokern. Und im Internet kommunizieren die Händler untereinander.

Daß man mit Intraday-Trading nebenher viel Geld verdienen kann, ist als Motiv eher zweitrangig. Viele spekulieren mit relativ geringen Beträgen. Entsprechend kompakt fallen auch Gewinne und Verluste aus. “Ich habe das meiste Geld in langfristige Investments gesteckt,” erklärt der Hobby-Trader Markus Riechling* (Name von der Redaktion geändert). “Rund 60.000 Euro sind meine Microsoft-Papiere wert. Dazu kommen ein paar Standard-Werte wie AOL oder Nokia”. Doch mit ein paar Tausend Euro will Riechling “spielen”. Gerade zweimal 2.500 Euro stecken in riskanteren Geschäften mit Internet-Nebenwerten.

Nur einmal setzte der Broker alles auf eine Karte. 40.000 Euro lagen bereit, um ein Haus anzufinanzieren. Doch der Baubeginn ließ auf sich warten. “Warum nicht einen Tag lang investieren,” grinst Riechling. Er kaufte morgens, kurz nach neun 500 Nokia zu 77,75 Euro. Schon wenige Minuten nach dem Kauf stieg die Aktie: 77,80, 77,85. Riechling musste in eine Konferenz. “Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren,” gibt er zu. Zwei Stunden später: 78, 78,50, 78,60. Verkaufen? Nein, Riechling wollte noch warten. Nur ein kurzes Mittagessen, zurück an den Arbeitstisch. Dann der Schock: Nokia war wieder bis knapp über 78 gefallen. Nun hieß es Nerven bewahren. “Ich hätte die Aktie auch noch ein paar Tage behalten,” gibt Markus Riechling zu. Und er behielt auch die Nerven. Zum späten Nachmittag hin zog der Kurs an — 78,80. Verkauft. 525 Euro Gewinn. Doch dann die Enttäuschung: Nach Abzug der Spesen bleiben gerade noch 288 Euro und 80 Cent, rund 564 Mark. Enttäuschend wenig für den Kapitaleinsatz und das Risiko. Aber es war der Kick der zählte. Einmal Intraday-Broker sein, in Sekunden Entscheidungen über den Kauf oder Verkauf treffen. Außerdem blieb die Kasse für das Haus unbeschädigt. “Sobald ich wieder Geld und vor allem die Zeit habe,” schlage ich wieder zu, so Riechling. Allerdings wolle er sich überlegen, ob es auch diesmal wieder so ein dicker Betrag sein muß.

Neue Aktienwelt

Der Online-Aktienhandel hat die Wertpapierlandschaft verändert, zum Volkssport einer neuen unteren Mittelschicht erhoben. Noch vor vier oder fünf Jahren ging der betuchte Kleinsparer gefälligst zu seinem Sparkassenberater, legte 10.000 Mark an. Und die setzte er auf Volkswagen, Siemens oder ein Veba — basta. Wer seinerzeit ein paar Mark für Microsoft riskierte, erntete den skeptischen Blick, der den Kauf von Sparkassenbriefen dringend nahe legt.

Mit dem Start von Online-Brokern wie Consors oder Comdirect wehte den Bänkern erstmals ein rauer Wind um die Lederkrawatten. Auch wenn sich nur eine kleine Menge von Aktienkäufern auf dem virtuellen Parkett tummelt: Genau das sind die aktiven Aktienhändler, die pro Monat zweimal, zehnmal, hundertmal Aktien kaufen und verkaufen. Genau das ist die Klientel, die Provisionen satt in die Kassen spülen würde.

Zu Sparkassen-Zeiten verleideten exorbitante Gebühren jedem Kunden am Tresen den Spaß mit dem aktiven Aktienhandel. Jeder Deal kostet 1 Prozent Provision plus Spesen plus Maklercourtage. Jedes Mal waren 50 Euro fällig, sobald 5000 Euro investiert werden. Dazu kamen und 0,21 Prozent Maklercourtage – noch einmal 10,50 Euro.

Euro? Der Euro ist Börsianern längst so vertraut wie DAX, Dow und Nasdaq. Alle Notierungen in Deutschland gibt es in der neuen Währung. Markus Riechling tippt die 1,95583 schneller, als andere “Euro” sagen, wenn er seine Gewinne in die alte Währung zurückrechnet.

Die Online Broker brachen die Preisbarriere der alten Kreditinstitute. Denn sie können auf das verzichten, was andere Beratung nennen. “Von meinem Sparkassenberater gab es immer nur Warnungen und ‚Sie müssen es ja wissen‘”, beschwert sich Riechling. “Mit Beratung hatte das nichts zu tun. Und über das Internet war ich ohnehin schneller informiert.”

Mit günstigen Provisionen – häufig setzen die Online-Broker nicht einmal einen Mindestpreis an — lohnen sich beim Online-Broking auch kleinere Geschäfte: Mal 1000 Euro, mal 2000 anlegen. Aktienhandel mit Spaßfaktor und fröhlich gestreutem Verlust. Früher undenkbar, zu Zeiten, da Bänker diese Beträge lieber auf dem Sparbuch oder in sicheren Fonds sahen — sicheres Geld für die Banken, die laue Zinsen zahlten oder fünf Prozent Ausgabeaufschlag kassierten.

Der günstige Preis hat einen Nachteil: er verleitet zum intensiven Traden, zum schnellen, hektischen An- und Verkauf von Aktien. Und damit machen die Brokerhäuser im Internet ihr Geschäft: Consors meldet 3,1 Millionen Transaktionen im ersten Halbjahr 99, Tendenz steigend. Auch Comdirect, schärfster Konkurrent von Consors bringt es auf 1,9 Millionen Aktientransfers im Direkthandel. Ein gutes Geschäft für die Brokerhäuser. Entsprechend gefragt sind auch die Aktien von Anbietern wie Consors. Interessant: Diese Aktien sind wie Barometer für Internet-Werte. Geht es den Technikpapieren schlecht, fallen Transaktionen und Provisionen und die Kurse der Online-Broker gehen mit in den Keller.

Broker-Treff im Internet

Virtueller Tummelplatz der Internet-Händler sind die Foren, etwa das Brokers Board auf www.consors.de/. Untergliedert in Rubriken wie Hightech, Ausländische Werte oder Neuer Markt bietet dieses Forum fast eine Atmosphäre wie auf dem Börsenparkett. Die Kommunikation der Börsianer untereinander sieht meist so aus: “Yahoo kaufen??? (o.T.)”, fragt einer. Das “(o.T.)” deutet an, “Kein Text”. Selbst hartgesottene Chat-Teilnehmer wirken wie Plappermäuler gegen das Börsenschnellsprech. “Noch warten (o.T.)” ist die Antwort. und einen Abschnitt weiter kommt “Fed-Daten um 20:15 (o.T.)”. Alles ohne Text, alles deutet an: Es gibt hier noch anderes zu tun, als rumzuschmarren. Und wenn Text bei einem Beitrag steht, dann beschränkt auch der sich auf ein paar kurze Zeilen.

Die Broker-Boards eine wichtige Stütze für Online-Aktionäre. Sie ersetzen den freundlichen Bankberater, denn der weiß meist auch nicht mehr, als die anderen Teilnehmer am Börsengedankenaustausch. Meist haben die Online-Broker mehr Ahnung vom aktuellen Geschehen. Denn sie haben mehr Internet, als es je eine Sparkassenfiliale auf dem Land erleben wird.

Und die Broker Boards sind Kummerkasten. Börsianer, hilflos der Massenpsychologie und den Börsengurus ausgeliefert, verschaffen sich hier Luft. “Wer ist eigentlich dieser Greenspan?? Ein Übergott oder w…” klagt ein Mitbroker an. Für die letzten Buchstaben hat das Eingabefeld nicht mehr gereicht. “Weltregent? Nicht mit mir!” kündigt der frustrierte Börsianer seine Beziehung zu Greenspan. Dabei hat er so einen schönen Namen “all or nothing” nennt er sich und das wird auch sein Credo sein. Doch natürlich will er lieber “all” statt “nothing”, und Alan Greenspan, der Chef der amerikanischen Notenbank macht es ihm nicht gerade leicht, wenn er über die amerikanische Wirtschaft orakelt und jeder Analyst jedes Wörtchen auf die Goldwaage wirft.

Die Broker Boards sind oft genug auch Forum für brandheiße Tips und Empfehlungen. Im Frühjahr entdeckte ein kleiner Analyst aus Deutschland den Wert E-Trade Australia. Ein paar Meldungen im Consors Brokers Board später bracht die Hysterie aus. Binnen weniger Tage schoß der Kurs der Aktie so hoch, daß die australische Börsenaufsicht den Handel aussetzte.

Markus Riechling war dabei beim Run auf E-Trade Australia. Er hat gut 2.300 Euro eingesetzt. Binnen weniger Wochen stieg der Kurs von rund 2,40 Euro auf über 6 Euro, fiel zurück, erholte sich und fällt seitdem wieder. Von den einst 150 Prozent Gewinn ist eine schwarze Null übergeblieben. Riechling ärgert sich: “Ich hätte gleich verkaufen sollen. Pfeif‘ auf die Spekulationssteuer! Aber es sah so gut aus, es hätte noch weitergehen können,” entschuldigt er sich für des Börsianers liebsten Fehler. Denn wer nicht im richtigen Augenblick verkauft, wartet ewig auf die nächstbeste Gelegenheit.

E-Trade ist nicht der einzige Börsenflop. In den vergangenen beiden Jahren kostete die Psychologie ihre Rolle an den Aktienmärkten voll aus. Selten zuvor war es zu so einer Hysterie an der Börse gekommen wie zur Zeit des Internet-Hype. Jedes Unternehmen, das in irgendeiner Weise Marktnischen im Web besetzte erlebte einen traumhaften Börsenstart.

Also lebten die Online-Broker wie im siebten Himmel. Denn sie bewegten sich im Internet, kannten es und fühlten sich sicher. Und so wurde gekauft, was das Zeug hält. Amazon, AOL, Yahoo füllten die Portfolios. Wenn es irgendwo einen Zug gab, auf den man springen konnte. Jeder redete das Netz heiß und heißer. Analysten beruhigten: es wird weitergehen. Unkenrufer wurden ignoriert.

Die Ernüchterung kam mit diesem Frühjahr. Am 19. April, plötzlich, als hätten alle darauf gewartet, stellte sich ein Analyst hin und deutete an, es könne nicht alles so weitergehen. Rumms, da ging die Pfeife los und die Kurse stürzten sich in die Tiefe. In nur wenigen Stunden verlor der Technologie-Index Nasdaq 5,7 Prozent. Bitter für jeden, der kurz vorher eingekauft hat. America Online ging um 24 Dollar oder 17 Prozent in die Knie – ein Schlag, von dem sich der Wert bis heute nicht erholt hat. Im Gegenteil: Derzeit dümpelt der einstige Liebling der Anleger-Gemeinde um die 100 Dollar herum. Der Höchststand im April war 175 Dollar und 50 Cent. Viele Anleger hatten viel Geld, aber nicht ihren Mut verloren. Nach ein paar Wochen klopften sie den Staub aus ihren Hemdsärmeln und kauften wieder Aktien. “Diesmal bin ich aber vorsichtiger,” resümiert Markus Riechling. Und bei der nächsten E-Trade wolle er wirklich sofort die Gewinne mitnehmen.

Riechling und seine Mitspekulanten hatten die Rechnung bekommen für eine gewaltige Spekulationsblase. Internet-Firmen hatten und haben noch teils höhere Börsenkapitalisierungen als Flugzeugbauer Boeing oder Unterhaltungskonzern Disney. Das konnte nicht ewig gutgehen. Aber jeder der im Frühjahr geschlagenen Börsianer wartet darauf, daß es wieder losgeht.

Die Informationsquellen

Neben den Meinungen und Ideen anderer ist der Hobby-Broker vor allem auf eins angewiesen: Kurse. Und die bekommt er mittlerweile an jeder Ecke im Web nachgeworfen. Yahoo.de, Consors, Comdirect versorgen ihn mit Notierungen von den deutschen Börsenplätzen. Doch die interessieren nur, wenn es um hiesige Werte geht. Für den wahren Internet-Zocker beginnt der Tag um halb vier mit der Eröffnung der US-Börsen. Denn hier werden die Kurse gemacht und hier gibt es die News, welche die Kurse bewegen. Da reicht es, wenn Microsofts Steve Ballmer sagt, Technologie-Werte seien überbewertet und schon geht alles in den Keller.

Zwei Arten der Online-Broker klicken sich täglich mit der Maus durch die Kursdaten: Der Börsianer, der schon seit einigen Monaten einen Wert besitzt, bleibt gelassen – solange die Aktie im Plus ist. Er wirft gegen zehn Uhr einen Blick auf seine Watchlist in Deutschland, schaut Mittags vielleicht noch einmal dort herein und sieht sich gegen vier Uhr nachmittags in den Staaten um. “Was meine Microsoft-Aktien machen,” interessiert mich nur am Rande. Da will ich in fünf Jahren wieder einmal draufschauen,” sagt Markus Riechling, gibt aber zu: “Ich freue mich schon, wenn es mal wieder einen Sprung nach oben gibt.”

Anders geht es dem, der morgens frisch einen Wert erstanden hat. Alle zehn Minuten drückt er auf den Reload-Button seines Browsers. Jedesmal ist es für ihn ein neuer Kick, wenn sich der Kurs geändert hat – am besten nach oben. Doch die schöne Watchlist-Welt hat einen Nachteil: Die Kurse sind allesamt zwischen 15 und 20 Minuten alt. In dieser Zeit kann sich eine Menge ereignen. Das geht auf die Zeit. “Eine bis zwei Stunden am Tag kümmere ich mich an heißen Tagen um die Kurse,” so Riechling.

Wer wirklich innerhalb eines Tages wieder verkaufen will, sieht zu, daß er an Realtime-Kurse kommt. Die Online-Broker haben diese Echtzeitkurse als Marketing-Instrument entdeckt. Consors- und Comdirect-Kunden dürfen einzelne Werte in Echtzeit abrufen. Allerdings hat der Consors-Server zwischen zwei Abrufe einen Timeout von zehn Sekunden gesetzt – und nach 100 Abrufen ist Feierabend. So soll vermieden werden, dass sich Börsenprofis an den Gratiskursen bereichern. Der hektische Zocker sollte also überlegen, wann und wie oft er seine Kurse auf den neuesten Stand bringt. Nicht, daß kurz vor dem High die Kursabfrage ihr Tagwerk einstellt.

Die Zukunft

Online-Brokerage wird mehr und mehr Anleger in ihren Bann ziehen. Aktienhandel ist ein Volkssport geworden unter den Netizens, denen die Online-Auktion nicht mehr reicht. Genauso wie von einer Online-Auktion erlebt man hier die Faszination direkt dabei zu sein. Aber es geht um einen höheren Einsatz. Wie in einer Spielbank bekommt ein unmittelbares Feedback für seine Entscheidungen – Gewinn oder Verlust. Und es liegt immer am Anleger, ob er aussteigt oder weitermacht. Vernunft gegen Zocken – einer wird gewinnen. Gewinnen werden aber auf jeden Fall die Online-Broker. Denn die verdienen an jeder Transaktion. Egal ob Gewinn oder Verlust. Vielleicht sollte man sich doch ein paar Aktien der Broker ins Depot legen?

 

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