Mit der Kamera auf Madeira

Herbstzeit ist Urlaubszeit. Und so zieht auch Computerfoto-Kolumnist Martin Goldmann in die Ferne. Dabei entdeckt er eine ganz neue Stilrichtung der Fotografie, ganz speziell für Touristen.

(erschienen in Computerfoto 1/2005)

„Ok, ich packe die Kamera ein. Muss ja nicht jeder gleich sehen, dass wir Touristen sind, “ sage ich zu Franziska. Wir stehen an einer Hauptstraße in Funchal auf der schönen Insel Madeira. „Klar, hier haben ja auch alle Einheimischen Wanderschuhe an und tragen Goretex-Windwesten“, klärt mich Franziska auf.

Ich bin ein wenig beleidigt. Gerade habe ich so schön Häuser, Felsen und Wolken fotografiert, da möchte sie schon weiter gehen. Immer diese Hetze. Dabei haben wir für Funchal doch sechs lange Stunden eingeplant.

Als wir weiter gehen, wird es mir langsam klar: Auch ohne Kamera sehe ich aus wie ein Tourist. Na gut. Dann will ich mich aber auch entsprechend verhalten. Ich packe die Kamera wieder aus und hänge sie mir um den Hals, fasse mit geübtem Griff um das Objektiv und bin immer schussbereit.

„Oh, hübsch, die Kamera betont Deinen Bauch“, will mich Franziska aufziehen. Aber das gelingt ihr nicht. Denn jeder weiß: Zu einem ordentlichen Touristen gehört ein Bauch und darauf eine ordentliche Kamera. Und endlich bin ich ein richtiger Touristen-Fotograf (also kein Fotograf, der Touristen ablichtet, sondern ein Tourist, der fotografiert — das ist übrigens eine recht häufig vorkommende Kombination).

Die Touristen-Fotografie wird als eigene Kunst- und Stilform der Fotografie noch immer unterschätzt. Denn hier gelten ganz andere Regeln als in der klassischen Lichtbildkunst. Die Touristen-Fotografie bezieht sich nicht auf das Bild an sich, sondern auf die Gesamtheit aller auf einer Reise gefertigten Aufnahmen. Jeder, der schon einmal einen Diaabend bei Bekannten verbracht hat, weiß, wovon die Rede ist.

Wichtig in dieser Kunstrichtung der Fotografie ist das Einhalten bestimmter Proportionen und Quoten. So sollte auf mindestens 55 Prozent der Aufnahmen der Lebenspartner zu sehen sein. In langen, oft schwierigen Sessions wird die Ehefrau passend vor der Brandung, einer Kirche oder einem Baum platziert. Dann nur noch auf den richtigen Augenblick warten, „Lach doch mal“ rufen und abdrücken. Dieses Verfahren birgt auch eine starke soziale Komponente. Bei vielen Paaren kommt es in dieser Situation zur ersten ernsten Aussprache im Urlaub.

15 bis 20 Prozent aller Aufnahmen gehören den Sonnenuntergängen (hier ist der Vordergrund meist zu dunkel, um die Gattin mit abzulichten). In jedem Fall muss der Untergang den Gesetzmäßigkeiten der Touristen-Fotografie gehorchen: Die Sonne immer in die Mitte, der Horizont halbiert das Bild. Und daheim noch ein wenig an den Farben drehen, bis der Kitsch aus dem Motiv fließt.

Ebenso wichtig sind Blumen mit fünf bis zehn Prozent. Für Blumen ist Madeira natürlich die Location schlechthin. Allerdings nicht im November. Hier ist die Insel in erster Linie grün. Die Suche nach Orchideen im botanischen Garten ergab genau einen Treffer. Auch andere Blüten waren einigermaßen rar. Immerhin hat es für ein paar Aufnahmen der Sorte „scharfe Blüte vor unscharfem Hintergrund“ gereicht.

Die restlichen Prozente gehören den kunstvollsten Aufnahmen: den verwackelten, unscharfen, unterbelichteten und schiefen Bildern.

Ich habe meine Quoten vollständig erfüllt. Der Urlaub war ein voller Erfolg.

Lesen Sie hier weiter: Einen Hund fotografieren