Notebook im Hotel: Jans Jahresurlaub

Jan hat eine neue Flamme. Und mit der ist er in den Sommerurlaub gefahren. Seit vorgestern ist er zurück. Er sieht nicht sehr braun gebrannt aus. Eigentlich war es ein fantastischer Urlaub.

(erschienen in Internet Professionell 10/2002)

Jan hatte lange und sorgfältig den Urlaubsort gewählt. Allein drei Tage gingen für die Besuche der Last-Minute-Web-Seiten drauf und für das Suchen eines Last-Minute-Angebots, das nicht schon seit drei Monaten ausgebucht war. Doch Schnäppchen muss sein, auch wenn ein paar seiner Auftraggeber warten mussten.

Jans Liebste wollte nach Griechenland – Sightseeing und zwei Tage Strand. Aber Jans Urlaub musste nach anderen Gesichtspunkten geplant werden. “Ich gehe da strategisch vor”, hat mir Jan noch vor dem Abflug zugeflüstert. “Ich mach’ alles online, das wird der perfekt geplante Urlaub”.

Sie sind dann doch nach Griechenland geflogen. Jans Holde hatte ein paar Tickets aus dem Reisbüro geholt.

An einem wunderschön, sonnigen Nachmittag im Hotel angekommen, packte Jan sofort das Notebook aus. Aus einem zweiten Koffer (»Für alle Fälle…«) zog Jan den Mulitplex-Mehrfach-Adapter für alle Stromnetze der Welt und suchte die Dose.

Jans Freundin war gar nicht davon angetan, als Jan den Stecker der einzigen Stehlampe im Zimmer zog. Er selbst erkannte das Problem sofort: »Ich seh’ nichts mehr«. Es war Abend geworden.

Also gingen Jan und das Notebook ins Bad. Dort gab es Deckenbeleuchtung und einen Stecker für den Rasierer. Von dort zog Jan das mitgebrachte Verlängerungskabel zum kleinen Arbeitstisch, steckte das Notebook an und machte sich auf die Suche nach der Telefondose.

Die fand sich hinter dem schweren Schreibtisch und natürlich war das Kabel fest in der Wand verschraubt. Kein Problem für Jan — vorerst. Eine halbe Stunde Suche nach dem Schraubenzieher später waren alle Koffer und Taschen ausgepackt und deren Inhalt im Zimmer verstreut. Den Schraubenzieher hatte Jan vergessen.

Schließlich fummelte Jan mit einer Nagelfeile den RJ45-Stecker aus dem Telefon. Des Steckers Lasche war wohl schon vor Jahren abgebrochen. Aber immerhin: die Leitung passte ins Modem.

Aus der 40 Seiten starken Liste mit Einwahlnummern hat Jan dann noch die Nummer des günstigsten griechischen Providers herausgesucht. Nach zweieinhalb Stunden war Jan online. “Alles klar”, freute sich Jan “das Wetter ist prima hier. Ich hab’ grad nachgeschaut.” Jan drehte sich um und sah niemanden mehr.

Jan ließ sich noch schnell auf “machmalnediaet.de” einen Speiseplan für das Büffet vorschlagen — er hatte in den letzten Wochen das Laufen vernachlässigt und passt nun nicht mehr so richtig in seine 36er-Jeans.

Dann verbrachte den restlichen Abend allein beim Essen. Er murmelte etwas wie “kein Verständnis für die Infrastruktur” und “globale Kommunikation in einem vernetzten Zeitalter ist unabdingbar”. Doch nur die Spaghetti hörten ihm zu. Und die waren zerkocht.

Am nächsten Morgen war aller Zorn verraucht, die Sonne schien ins Zimmer. “Prima”, rief Jan um halb sechs Uhr morgends und stellte sein kleines Solar-Panel ins Fenster. Dann komme ich ohne die dämliche Steckdose aus. Und Du kannst wieder ins Bad”, beschied er seiner Geliebten.

Die wirkte während der Urlaubstage nicht sehr fröhlich. Statt dem Ausflug auf den Markt gab es nur den Ausflug zum Buffet (“Schnell, um halb zehn habe ich ‘nen Ebay-Termin”).

Statt der Besichtigung eines Tempels gab es nur eine Besichtigung von Jans stolz ersteigertem Griechenland-Reiseführer. Freilich nur virtuell auf der Ebay-Homepage. Denn der Verkäufer weigert sich, das Teil vorab nach Griechenland in Jans Hotel zu senden.

“Macht nix”, sagte Jan, “dann fahren wir nächstes Jahr halt noch mal hierher”.

Die darauf folgende Auseinandersetzung und der Verlauf der restlichen Reise sind nicht dokumentiert. Ich weiß nur, dass sich Jan jetzt ein neues Notebook kaufen will, weil das alte runtergefallen ist. Und dass Jan kein Geld hat, weil zwar der griechische Provider saubillig ist, aber das Hotel pro angefangene Zehntelsekunde 10 Cent verlangt hat.

Und Jans Freundin? Die heißt Hiltrud und kam ziemlich geschafft aus dem Urlaub zurück. Sie ist froh, dass sie wieder ihre ruhige Arbeit im Netzwerk-Support aufnehmen kann.

Lesen Sie hier weiter: Ein paar Notizen über meine Barcelona-Reise im Januar