Online Shopping im Supermarkt

Online einkaufen ist populär. So populär, daß nun auch der Einzelhandel versucht, Konzepte, Ideen und Kundenbindung aus dem E-Commerce zu übernehmen. Für Internet Professionell besuchte ich 1999 den ersten Offline-Shop.

erschienen als “Einkaufsparadies offline” in Internet Professionell 05/99

Neulich ging ich einkaufen. Ich steckte die Mark in den Wagen und betrat durch die surrende Automatik-Türe den Supermarkt. Mein Einkaufszettel in der Linken, den Blick fest auf die Obsttheke gerichtet, schob ich das scheppernde Drahtgestell auf Rädern durch die Absperrung.

Besser: Ich wollte hindurch. Da hielt mich ein Mann im weißen Kittel auf, Brille, freundliches Lächeln. “Hallo, herzlich willkommen im Einkaufsparadies. Bitte nennen Sie mir Ihren Namen, Vornamen und Beruf oder teilen Sie mir Ihre Kundennummer mit.” Verdutzt antwortete ich: “Ich möchte hier nur schnell ein wenig Obst, Brot und Bier kaufen.”

Der Mann lächelte freundlich: “Das ist leider kein gültiger Name. Bitte nennen Sie mir Ihren Namen, Vornamen und Beruf.” Ich tat es. “Vielen Dank für Ihre Anmeldung im Einkaufsparadies. Bitte fahren Sie fort…” Als ich meinen Wagen weiterschieben wollte, hielt mich der Mann auf. “…und nennen Sie Ihr Nettoeinkommen, Ihre bevorzugte Sorte Feinstrumpfhosen und die Anzahl Ihrer Kinder”.

Ungeduldig antwortete ich: “1 Millionen Mark, Kunert, keine.” Der Mann entgegnete wieder: “Vielen Dank für Ihre Angaben. Sie haben ab sofort die Kundennummer 96423-X45-ghlbe und das Kennwort — oh, Moment.”

Der Mann drehte sich weg und sprach mit einem Kollegen. Als er sich mir wieder zuwandte, sagte er “Entschuldigung. Da ist etwas schiefgelaufen.”

Er zögerte kurz und faßte sich wieder: “Hallo, herzlich willkommen im Einkaufsparadies. Bitte nennen Sie mir Ihren Namen, Vornamen und Beruf oder teilen Sie mir Ihre Kundennummer mit.” Ich verlor die Geduld: “96423-X45-ghlbe”. “Danke, und das Kennwort?”. “Ich habe noch kein Kennwort,” schrie ich.

“Tut mir leid. Bitte nennen Sie mir Ihren Namen, Vornamen und Beruf.” Als ich ihm abermals sagte, wie ich hieß, blickte er erstaunt auf seine Liste. “Verzeihen Sie, aber einen Kunden mit diesem Namen haben wir bereits. Bitte nennen Sie mir einen anderen Namen.”

Es dauerte eine halbe Stunde bis ich einen korrekten falschen Namen, meine Kundennummer und das Kennwort hatte. “Herzlich willkommen,” flötete der weiße Mann ein letztes Mal, “genießen Sie Ihren Einkauf.” Erleichtert schob ich den Einkaufswagen weiter und griff in die Obsttheke. Die Äpfel sahen schön aus. Ich erschrak. Neben mir stand wieder ein Mann im weißen Anzug. “Oh, sie kaufen Äpfel. Darf ich Ihnen dann auch Birnen, Pflaumen und Erdbeeren empfehlen? Übrigens da drüben steht Apfelsaft. Und Gebißreiniger sind heute im Angebot.”

Ich schob den Kerl beiseite, legte die Äpfel in den Einkaufswagen und ging weiter. Der Mann ließ nicht locker. “In Ihrem Einkaufswagen liegen vier Äpfel für 3 Mark und 50. Wollen Sie zur Kasse gehen?”. Ich ignorierte ihn, legte Milch in den Wagen, nahm abgepackten Käse und eine Salami.

Vor der Gefriertruhe blieb ich stehen und überlegte. Ich wühlte in der Truhe, sah mir die Packungen an und legte sie weg. “Verzeihung,” der Mann tippte mir auf die Schulter. “Sie haben einen Einkaufs-Timeout. Leider können die Waren nicht ihn Ihrem Wagen bleiben.” Er packte sich Äpfel, Milch, Salami, Käse und verstaute sie ihn den Regalen. “Bitte schieben Sie Ihren Wagen zum Eingang zurück und beginnen Sie den Einkauf von Neuem.”

Nur weil ich hungrig war und müde und weil es keinen anderen Laden im Ort gibt, startete ich noch einen Versuch. Diesmal war ich schneller, flitzte durch die Gänge, warf Lebensmittel in meinen Wagen und rannte zur Kasse. Dort hielt mich ein Mann in schwarzer Uniform auf. “Halt,” gebot er mir, zog einen Metalldetektor heraus und suchte mich ab. “Ok,” murmelte er schließlich. “Sie können jetzt in den gesicherten Bereich eintreten.”

Langsam schob ich mich zur Kasse vor und bezahlte wahlweise mit Kreditkarte, per Bankeinzug oder bar. Es war geschafft. Alle Waren lagen in meiner Tasche und ich konnte gehen. Beim Verlassen sah ich eine junge Frau mit Einkaufswagen am Eingang. Sie diskutierte mit einem Herren im weißen Kittel…

 

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