Portrait fotografieren

Portraits von Menschen sind die hohe Schule der Fotokunst. Porträts von Pferden sind Glücks- und Nervensache. Doch ein hübsches Bild von Mensch und Pferd zusammen hin zu bekommen – das ist ein Lottogewinn. Vor allem dann, wenn sich beide gegen den Fotografen verschworen haben. Martin Goldmann hofft dennoch auf einen Sechser.

(Erschienen als “Augen zu und klick!” in Computerfoto 7/2004)

Neulich, an einem hellen Frühsommerabend machten wir uns auf zum Pferd. Eigentlich sollte ich nur den Pferdehänger ablichten, auf dass wir das gute Stück bei Ebay verkaufen können. Aber der Künstler in mir sieht mehr als nur einen Pferdehänger. Ich sehe meine Frau und die einmalige Gelegenheit, endlich ein Portrait von ihr zu schießen. So eines von diesen Bildern mit dem Zoom, der offenen Blende und der herrlichen Unschärfe in der Tiefe.

Franziska sieht das gar nicht so. Sie legt ihre Stirn in grummelige Falten, deutet auf den Hänger und sagt „spiel da mit Deiner Tiefenschärfe“.

Aber Franziska weiß: Fotografische Dienstleistungen gibt es nur, wenn ich mich hinterher meiner Kunst widmen darf.

Also holen wir das Pferd aus dem Stall. Eifrige Leser dieser Kolumne wissen: Er heißt Apple Pie, ist nicht einfach zu fotografieren und hält die Kamera gelegentlich für essbar.

Eine Umbenennung in Apple iPie lehnt Franziska übrigens ab. Schließlich ist das Pferd nicht weiß und hat auch keine seicht wabernde Standby-Leuchte.

Franziska, Apple Pie und ich ziehen los über die Feldwege im Frühsommer. Hinten links lugt ein Rapsfeld in den goldenen Schnitt hinein und lockt zum ersten Foto. Ich stelle mich ein paar Meter weg von Franziska und dem Pferd auf und warte auf eine Gelegenheit. Und warte, und warte und warte. Denn Apple Pie hat kein Verständnis für den goldenen Schnitt. Er freut sich über unseren Ausflug, tänzelt um Franziska herum, knabbert hier mal am Gras, schubst Franziska ein wenig und findet alles interessant außer meinen künstlerischen Ambitionen.

Nur ein Bild gelingt. Franziska und das Pferd in harmonischer Eintracht — ganz so, wie man es sich wünscht, wenn man dazu neigt, in Pferden noch etwas Romantisches zu sehen. Ein Bild weiter schon ist die Romantik erledigt: Apple Pie hat Franzsikas Jacke im Maul, noch ein Bild weiter taucht Franziska lachend ab.

Ich kann so nicht arbeiten — ich will Pferd und Reiterin in Harmonie und Eintracht fotografieren, nicht ein Slapstick Duo beim Rumalbern!

Also ziehen wir weiter. Dort, an einem Baum endlich finde ich einen Traum aus Licht: die tief stehende Sonne übergießt die Landschaft mit einem Zauber aus Rot und Orange. Da muss doch etwas gehen. Franzi und Apple Pie posieren, ich drücke ab — prima. Nur hat meine Holde im Gegenlicht die Augen geschlossen. Kein Problem. Nach ein paar Minuten Pferdezappeln klicke ich noch einmal. Wieder sind die Augen zu. Na das wird eine tolle Bilderserie „Frau mit geschlossenen Augen mit Pferd“. Da gewinne ich jeden Wettbewerb.

Ich beschließe, trotz allem nicht nachzugeben und halte weiter auf meine Fotomotive. Vier Bilder später hat Franziska endlich die Augen offen und strahlt in die Kamera. Herrlich.

Nur: Diesmal hat das Pferd die Augen geschlossen. Woher weiß der Gaul so genau, wie er mich zur Verzweiflung bringen kann? Hat einer seiner Vorfahren ein Kasper-Gen vererbt?

Ich glaube, die beiden haben sich verschworen. Es soll einfach nichts aus mir werden, das über einen Pferdehängerfotografen hinausgeht. Naja, vielleicht ist das auch eine Karriere. Vom Pferdehänger kann ich mich ja vielleicht mal zum Wohnwagen hocharbeiten und dann meine Karriere mit LKW-Hängern krönen? Die halten wenigstens still und zwinkern nicht.

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