Selbstfindung beim Fotografieren

„Wer sind wir, woher kommen wir und warum fotografieren wir?“ Computerfoto-Kolumnist Martin Goldmann nimmt Sie mit auf seinen ganz persönlichen Selbstfindungstrip in den Sonnenuntergang.

(veröffentlicht unter “Warum fotografiere ich?” in Computerfoto 4/2005)

Manchmal frage ich mich, „Warum fotografiere ich das eigentlich?“ Die Antwort ist klar: Weil ich eine Kamera habe, weil da 1 GByte Speicher drin stecken, die ich voll bekommen möchte, und weil ich ein Hobby brauche. Oder war da noch etwas anderes? Gut, ab und an mache ich mal ein Produktfoto und hier und da dokumentiere ich den Werdegang von Hunden, Vögeln und Pferden. Aber die große Ausstellung blieb mir ebenso versagt wie der Ritterschlag meines Schwagers. Der ist nämlich richtiger Fotograf und urteilt – sagen wir – wohlwollend über meine Fähigkeiten. Dafür habe ich mehr Ahnung von Computern.

Was also treibt einen Amateur wie mich zum Bild. Die Suche nach Ruhm? Nein, keine Chance. Um die Motivation zu ergründen, warum ich fotografiere, muss ich ein wenig ausholen. Wir brauchen ein Bild, das jeder macht und das weder einen Sinn, noch einen Zweck hat.

Nehmen wir etwas herrlich Sinnfreies wie den Sonnenuntergang über dem offenen Meer. So ein Meer ist verdammt groß, die Sonne ist auch nicht klein und der Himmel, na ja, der Himmel ist ziemlich weit.

Wie zum Donner kommt ein Menschlein von 1,88 Höhe auf die Idee, Sonne, Meer und Himmel in Bits zerlegt auf einen Datenspeicher bannen zu wollen. Warum reizt es mich, den zig-Millionsten Sonnenuntergang zu produzieren? Romantik? Wohl kaum. Indivdualität? Sicher nicht. Vermutlich existieren mehrere Terabyte an Sonnenuntergängen auf den Datenspeichern dieser Welt.

Vielleicht ist es die Urlaubserinnerung? Auch nicht. Denn wenn ich mir das Bild das nächste Mal ansehe, rauscht nicht das Meer, sondern der Prozessorlüfter, es blendet der Monitor statt der Sonne und der Himmel bleibt schön draußen. Ein Sonnenuntergang in 1024 x 768 weckt wahrlich keine romantischen Gefühle. Es kann also kaum der Wunsch sein, mir dieses Bild noch einmal anzusehen und in Farben zu schwelgen.

Außerdem: welchen Erinnerungswert hat denn so ein Untergang? Etwas Individuelles ist er jedenfalls nicht. Ständig geht irgendwo auf der Erde die Sonne unter. Die Sonne taucht laufend den Himmel in feuriges Orange und lässt das Meer in tausend Nuancen schillern. Einem Sonnenuntergang vor dem Meer sieht man nicht mehr an, ob er auf Madeira, Mallorca oder Madagaskar entstanden ist. Angenehmer wäre es mit ein paar Pyramiden im Vordergrund oder dem Eiffelturm. Aber Sonnenuntergang am Meer? Den retten auch ein paar Pflanzen, schemenhaft im Vordergrund platziert, nicht vor der Banalität.

Was also treibt den Menschen, Sonnenuntergänge am Meer zu fotografieren? Wenn der wahre Grund nicht in der Erinnerung, also im „danach“ liegt, muss er im „jetzt“ liegen. Wühlen wir doch mal in der Sammlung von Platitüden und Allgemeinweisheiten. Da haben wir es: Es ist das Festhalten des Augenblicks um des Festhaltens Willen. Das Einfangen von Sonne, Meer, Wolken, Stimmung in einem ganz bestimmten Moment. In einem Moment, in dem sich jeder Mensch plötzlich verleitet fühlt, ein Gedicht zu schreiben oder ein Lied auf der Gitarre spielen möchte.

Meine Gedichte sind fürchterlich und auf der Gitarre kann ich nur den Anfang von „Smoke on the Water“ in der Zeigefinger-Mittelfinger-Version. Also brauche ich die Kamera um das spontan-künstlerische in solch’ romantischen Stimmungen auszuleben. Und da haben wir doch die Antwort: ich fotografiere Sonnenuntergänge, weil ich nicht Gitarre spielen kann.

Lesen Sie hier weiter: Die Sinnfrage: Sonnenuntergang fotografieren?