Meine Versuche als Sport-Fotograf (Glosse)

Sportfotografie. Das sind Männer mit Einbein-Stativen und gigantischen Teleobjektiven. Martin Goldmann hat weder das eine noch das andere und probiert es auf seine Weise.

(erschienen “Der lange Weg zum Sport-Foto” in Computerfoto 12/2003)

Sport! Das bedeutet Leiden, Schweiß und Selbstüberwindung.

Leiden lassen!

Sportfotografie? Das bedeutet: Leiden lassen, Schweiß sehen und die richtige Perspektive finden. Der eine erwischt den Fußballer mitten im Abschuss zum goldenen Tor, der andere lichtet jenen gestählten Typen ab, der mit der rechten Hand den Katamaran im Wind hält und mit der linken lässig den Fettstift auf die Lippen schmiert.

Das sind alles Profis: die Fotografen, der Fußballer, das Schmierstift-Model.

Ich bin kein Profi. Und Franziska hat im Gegensatz zu Katamaran-Fettstift-Models kein Verständnis dafür, dass das Licht gerade nicht richtig steht, dass der Baum nebenan den falschen Schatten wirft oder dass ich mich ihr mangels Teleobjektiv direkt in den Weg stellen muss. Franziska möchte einfach nur ein wenig Sport treiben und nicht unbedingt fotografiert werden. Aber so einfach mache ich ihr das nicht. Wozu habe ich schließlich diese teuren Kameras?

Franziska und ich waren zum ersten Mal gemeinsam im Wald laufen. Natürlich musste ich unbedingt die kleine Minolta mitnehmen. Schließlich ist das vielleicht der Anfang von Franziskas Marathon-Karriere. Und solche Augenblicke müssen dokumentiert werden. Als wir den ersten Hügel hinauflaufen, starte ich einen Zwischensprint, schalte die Kamera ein, drehe mich blitzschnell um — und warte.

Ich warte nicht auf Franziska — mein Zwischenspurt hat nur zehn Meter Vorsprung gebracht. Ich warte auf die Kamera, die fährt gemütlich das Objektiv aus und meldet sich bald darauf bereit. Franziska hoppelt derweil in aller Ruhe an mir vorbei. Ich sprinte also nochmals nach vorne, drehe mich um und drücke zum ersten Mal ab.

“Ist ein hübsches Foto geworden”, japse ich neben Franziska her. “Schau”, halte ich ihr die Kamera vor die Nase. Franziska läuft.

“Zu wenig Action drin”, schnaufe ich neben ihr, “oder?” Franziska atmet ruhig und nickt, weil sie weiß, dass ich dann Ruhe gebe und sie weiter laufen kann.

Aber diesmal hat sie sich getäuscht. In die Bilder muss mehr Action rein. Am besten mache ich so ein lang belichtetes Foto mit Blitz mittendrin. Das gibt diesen genialen, dynamischen Effekt.

Ich hatte das schon einmal ausprobiert. An einer Müslischüssel auf meinem Schreibtisch. Hat prima geklappt.

Franziska ist keine Müslischüssel. Müslischüsseln bewegen sich nicht, Franziska schon. Auf den dynamischen Bildern erkenne ich nur die verwischte, grüne Funktionsjacke.

Also probiere ich es anders. “Mitziehen!”, denke ich mir. Ich sprinte wieder, knie mich hin und warte. Franziska kommt vorbei, ich ziehe die Kamera mit und drücke ab. Nach drei solcher Versuche weiß ich endlich, entschuldigen Sie den Kalauer, warum das “mit ziehen” heißt. Denn nach den bald fünfzehn Zwischensprints fangen meine Beine an zu ziehen.

Franziska trabt derweil locker weiter. Ich hole gerade noch zu ihr auf, kurz bevor wir unser Ziel erreichen, halte die Kamera hoch und drücke noch einmal ab.

Das Ergebnis: achtundzwanzig dynamisch überbelichtete Bilder, vierzehn beim Mitziehen total verwackelte Bilder, neun sehr dynamische Bilder, auf denen nur ein grüner Funktionsregenschutz zu erkennen ist.

Nur ein Bild ist gut geworden, ein einziges. Das letzte Bild kurz vor dem Ziel.

Aber so ist das nun mal: Sportfotografie ist Schweiß und Leiden bis zum Zielstrich. Aber jetzt weiß ich, wie es geht. Ich muss nur ein wenig mehr trainieren, meine Sprintfähigkeit aufbauen und vielleicht auch mal die große Kamera mitnehmen. Dann probieren wir es noch mal. Aber erst wenn mein Muskelkater vorbei ist.

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