Stiefmütterchen fotografieren

Der Herbst. Da ist er ja. Just als die ersten Winde peitschen und die ersten Tropfen pladdern, fällt dem Computerfoto-Kolumnisten Martin Goldmann ein: „Ich habe dieses Jahr noch nicht eine einzige Blume fotografiert.“

(erschienen in Computerfoto 11/2004)

Die Blume. Sie spielt eine besondere Rolle in der Mythologie der Digitalfotografen. Sie ist das erste Objekt, an der ein Kameranovize entdeckt, wie toll der Makromodus ist. Und sie verführt in all ihrer Pracht dazu, endlich einmal den Zoom auszufahren, die Blende zu öffnen und endlich die Tiefenschärfe – respektive die Unschärfe zu genießen.

Ganz zu schweigen von den Farben. Rot, Gelb, Grün, Blau, Violett, Lila. Und die Formen. Rund, geschwungen, grazil.

Die Blüte vereint in sich alles, was ein perfektes Fotoobjekt bieten kann. Farben, Formen, Strukturen. Wer mag da schon anderes fotografieren.

Und so kommt es, dass Myriaden von Blüten von Millionen von Digitalkameras geknipst werden. Zum Glück gibt es so viele Blumen. Stellen Sie sich vor, in jeder Stadt gäbe es nur eine Blume – so wie es ein Rathaus oder einen Hauptbahnhof gibt. Die Schlangen der Fotografen wären unermesslich lang, Verkehrsstaus unvermeidlich. Es wäre ein Chaos.

Nun, vielleicht würden dann nicht so ganz viele Blütenfotos entstehen?

Doch lassen wir derlei Überlegungen. Staus gibt es genug. Blüten auch.

Nur im Herbst machen sich die Blüten rar. Und ich habe heuer noch keine einzige fotografiert. Also packe ich meine Kamera und mache mich auf den Weg rund ums Haus. Gleich an der Eingangstür empfängt mich ein scharfer Wind. Ich hätte mir ein wenig mehr anziehen sollen. So wie es aussieht, werden sich wohl auch bald die nächsten Regentropfen auf dem Weg von Himmel zu Erde machen. Ich beeile mich besser.

Den Anfang mache ich direkt neben der Tür. Dort fristen ein paar Stiefmütterchen ihr winterhartes Dasein. Das will ich belohnen. Ich gehe in die Hocke, halte die Kamera weit nach unten und knipse – just in diesem Augenblick drückt der Wind das Mütterchen deutlich aus dem Sucherbild heraus. Also einen Moment warten. Während ich da so hocke, denke ich „ich hätte den Rasen mähen sollen“. Mein Allerwertester hat nämlich einigen Kontakt zum hohen Gras. Und das ist vom vorigen Regen noch ziemlich nass.

Nach zwei weiteren Versuchen wandere ich weiter in den hinteren Teil des Gartens. Nach dem zehn Meter langen Spaziergang durch das Gras sind auch meine Füße nass. Sandalen taugen einfach nicht für den Ausflug ins Gras. Noch schnell die Rosenblüten fotografieren. Auch hier treibt der Wind ein fieses Spiel mit mir. Er scheint zu spüren, wann ich abdrücke und schickt genau in diesem Augenblick eine Böe. Aber diese Rosenblüte hat ohnehin schon ihre besten Tage hinter sich. Sie sieht ein wenig zerzaust aus. Und eine weiße Blüte vor heller Wand ist auch nicht so das Wahre.

Nach fünf Minuten in der Kälte wird es mir zu frisch. Ich ziehe mich zurück in die Wärme und ziehe mich erst einmal um. Schnell die Compact Flash in den Leser stecken und die Beute betrachten. Endlich Blüten. Und was für welche. Der Wind hat fleißig mit gearbeitet und irgendwie hatte ich anfangs ein kleines Blenden-Zeit-Belichtungsproblem. Das Ergebnis ist ein reichlich psychedelisches Stiefmütterchen. Vollkommen überstrahlt im Hintergrund. Das Schwanken der Blüte hat zusammen mit meiner wackeligen Handhaltung einige reizvolle Fahrer in das Motiv gebracht.

Draußen regnet es inzwischen richtig. Und es wird langsam dämmerig. Keine gute Zeit für Blüten-Fotos. Aber ich habe immerhin eines gemacht. Und nächstes Jahr fange ich schon im Frühjahr damit an.

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