Glosse: Jans dunkle Seite

Wenn Jan nichts zu tun hat, kommt er auf gefährliche Ideen. Mit Trendsport-Arten wie Topic-Bashing sucht er Grenzerfahrungen im Internet.

(erschienen in Internet Professionell 6/2002)

So richtig hat das nicht funktioniert mit Jans echter Selbständigkeit. Sein Versuch, www.aeiou24.de zu reservieren und die Vokale zu verkaufen, ist gescheitert. Freunde von ihm wollten ihm eins auswischen und waren den entscheidenden Tick schneller. Und nach dem intensivem Biergartengespräch mit einem Jurastudenten im 14. Semester hat Jan auch eingesehen, dass es da nicht viel zu klagen gibt.

Nun sitzt Jan wieder vor seinem Mac und bastelt an Seiten für Ronnie. Gestern hatte er das neue OS X aufgespielt, das er sich als Vollversion für 160 Euro kaufen musste. Denn sein altes OS 8.6 konnte er günstig auf OS 9.0.1.4.2.1.1 upgraden. Dummerweise funktioniert das ebenfalls günstig erstandene OS X-Upgrade nur mit der Betriebssystem-Version 9.0.1.4.2.1.1,5.

Das Mac Upgrade war Jans einziges Abenteuer in den letzten Tagen. Ihm ist langweilig geworden. Und das ist nicht unbedingt gut für die Netz-Gemeinde. Denn wenn Jan langweilig ist, kann er zutiefst gemein sein. “Script-Kiddies und ihre Viren”, schnaubt er, “Kinderkram. Wer muss denn schon programmieren können, um eine E-Mail-Flut auszulösen? Die haben doch alle keine Phantasie”.

Ich ahne, was Jan vorhat. “Komm, Jan. Gehen wir ein Eis essen.”

“Nein”, bedeutet mir Jan. Das seltsam heisere “Nein” gefällt mir gar nicht. Es klingt wie das Lachen des klassischen Bond-Fieslings, kurz nachdem er Weltherrschafts-Pläne erläutert hat und kurz bevor er den Helden auf phantasievollen Wegen ins Jenseits schicken möchte.

“Topic Bashing, das ist es”, fährt Jan fort. “Ein inhaltlicher Virus. Ganz einfach: Jede Usenet-Group hat ihr Reizthema. Ich zeig’s Dir”, sagt Jan und ruft die alt.rec.fahrrad auf. “Guck, ich schreibe hier nur hinein ‘soll man beim Rad fahren nun einen Helm tragen oder nicht?’ und ich schicke das los.”

“NEIN!” Aber bevor ich ihm die Maus aus der Hand reißen kann, klickt Jan auf Senden. Und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Fünf Minuten später haben sich die ersten Antworten eingefunden. Sinngemäß: “Ich möchte hier keine neue Diskussion von Zaun brechen, aber Helm ist besser als nichts”. Die zweite Antwort “Ein Helm ist nur Placebo” führt auf vier Bildschirmseiten aus, warum der Helm nur ein Placebo ist.

Jan drückt wie besessen die F5-Taste, um seinen Newsreader zu aktualisieren.

Nach einer weiteren Minute kommen die ersten, kurzen, mahnenden Beiträge “Nicht schon wieder”. Aber die gehen unter in den Nachrichten derer, die wahlweise auf den “besser als nichts” oder den “Placebo”-Autoren eingehen. Sehr ausführlich.

Jan kichert ein wenig hysterisch. “Lass doch die Script-Kiddies ihre Würmer schicken. Das hier ist viel besser.

“Aber das ist noch nicht alles”, grinst Jan, “ich weiß noch etwas besseres.”

“Oh nein, Jan, nicht die Mailing-Liste”, flehe ich.

“Das ist noch besser als Hot-Topic-Bashing: Kennst Du schon den Off-Topic-Virus? Da können wir eine Menge lernen”, kichert Jan vom Wahn besessen.

“Pass auf”, Jan fängt an zu schreiben: “Wer weiß, wo es die günstigsten DVD-Player gibt?” und schickt die Nachricht an eine Liste, die sich mit allem möglichen beschäftigt, sicher aber nicht mit DVD-Playern.

Jan dreht sich zu mir um und beginnt zu dozieren: “Das ist wie in der Medizin: Landet eine Nachricht in der Liste, die nichts mit dem Thema zu tun hat, gibt es sofort eine Immunabwehr. Hunderte von Fresszellen-Mails stürzen sich auf die Off-Topic-Nachricht.”

Und so geschieht es. Jans Posteingang füllt sich schneller als der Bierkrug an der Theke. Eine schwarze Wand von Betreffs rattert auf den Bildschirm. Ein Stakkato ermahnender Mails umschließt die Off-Topic-Nachricht und vernichtet sie.

“Und jetzt kommt die Gegenreaktion zur Immunabwehr”, erzählt Jan weiter. Fehlt nur noch, dass er mit einem Zeigestab auf seinem Flachbildschirm herumdeutet. “Schließlich muss jeder Körper auch seine Fresszellen bremsen, sonst kommt es zur Überreaktion.”

Eine zweite Welle von Mails wabert auf den Bildschirm und deutet an, dass sich doch die Fresszellen-Mail-Schreiber nicht so aufführen sollten.

“Die dritte Phase”, führt Jan aus. Zwei Stunden sind vergangen. “Es beruhigt sich wieder”. Nur noch einzelne Nachrichten tröpfeln auf den Bildschirm. “Warum sich aufregen” steht da oder ein besänftigendes “Er ist halt noch neu hier” und ein paar freundlich-mahnende Worte an Jan, die ihm sagen, dass seine Frage vielleicht anderswo besser aufgehoben wäre. Ein paar schreiben “Interessant, dass immer wieder die gleichen Mechanismen auftreten”, andere amüsieren sich “toll: Eine falsche Nachricht hat 43 weitere Mails produziert.” Und der Listenmoderator rät, langsam wieder zur Tagesordnung überzugehen.

“Und jetzt probieren wir, ob die Leute etwas daraus gelernt haben”. Jan postet die Mail noch ein Mal und schaltet seinen Rechner aus.

“Jetzt gehen wie ein Eis essen. Und morgen richte ich einen Auto-Responder ein und abonniere zwölf Mailing-Listen”, plant Jan. Es wird Zeit, dass er wieder mehr zu tun bekommt.

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